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NeuMedizin 7 Min. Lesezeit23. Juli 2026

Cannabis bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Was zeigt die Forschung?

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen kann Cannabis Symptome wie Schmerzen und Appetitlosigkeit lindern – die eigentliche Entzündung bessert sich dadurch aber nicht zwangsläufig. Ein differenzierter Blick auf die Studienlage.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED)

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind die beiden häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Nach Angaben der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) leben in Deutschland schätzungsweise 400.000 Menschen mit einer CED.¹ Typische Symptome sind chronische Bauchschmerzen, Durchfälle, Gewichtsverlust und Erschöpfung, die den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können.

Die Standardtherapie umfasst je nach Schweregrad Aminosalizylate, Kortikosteroide, Immunsuppressiva und Biologika (z. B. TNF-alpha-Hemmer), mit dem Ziel, die Entzündung zurückzudrängen und in Remission zu halten.

Das Endocannabinoid-System und die Darmgesundheit

Das Endocannabinoid-System ist auch im Verdauungstrakt aktiv und an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt. Eine grundlegende tierexperimentelle Arbeit von Massa et al. (2004) zeigte, dass das körpereigene Endocannabinoid-System eine schützende Rolle bei Darmentzündungen spielen kann – ein zentraler Baustein der wissenschaftlichen Hypothese, warum Cannabinoide bei CED von Interesse sind.²

Was zeigen klinische Studien?

Die klinische Evidenz beim Menschen ist begrenzt, aber differenziert:

  • Naftali et al. (2013) untersuchten in einer prospektiven, placebokontrollierten Studie 21 Patienten mit therapierefraktärem Morbus Crohn, die inhalatives Cannabis erhielten. Bei 45 % der Cannabis-Gruppe wurde eine klinische Remission erreicht (gegenüber 10 % unter Placebo) – ein Unterschied, der bei dieser kleinen Stichprobe nicht statistisch signifikant war. Endoskopisch nachweisbare Entzündungsmarker verbesserten sich jedoch nicht signifikant.³
  • Eine Folgestudie derselben Arbeitsgruppe (Naftali et al., 2017) prüfte niedrig dosiertes CBD allein bei Morbus Crohn und fand keine signifikante Wirksamkeit gegenüber Placebo – ein wichtiger, ehrlicher Negativbefund, der zeigt, dass nicht jede Cannabinoid-Anwendung bei CED wirksam ist.⁴
  • Eine Befragungsstudie von Storr et al. (2014) unter IBD-Patienten fand, dass Cannabiskonsum subjektiv mit Symptomlinderung assoziiert war – gleichzeitig aber auch mit einem höheren Risiko für spätere Operationen bei Morbus-Crohn-Patienten. Die Autoren diskutieren, dass eine reine Symptomlinderung dazu verleiten könnte, eine fortschreitende Entzündung zu spät zu erkennen und zu behandeln.⁵

Die entscheidende Einschränkung: Symptomlinderung ist nicht gleich Krankheitskontrolle

Dies ist der wichtigste Punkt für Patienten: Die vorliegenden Studien deuten übereinstimmend darauf hin, dass Cannabis vor allem Symptome wie Schmerzen, Appetitlosigkeit und Übelkeit lindern kann – ohne dass die zugrunde liegende Entzündung im Darm nachweislich zurückgeht.³ Eine subjektive Besserung des Wohlbefindens sollte deshalb nicht dazu führen, reguläre Verlaufskontrollen (Labor, Endoskopie) oder eine notwendige Anpassung der entzündungshemmenden Basistherapie zu vernachlässigen.

Weitere Risiken bei CED-Patienten

Bei regelmäßigem, hochdosiertem Cannabiskonsum kann in seltenen Fällen ein Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom auftreten – wiederkehrende starke Übelkeit und Erbrechen, das paradoxerweise durch chronischen Cannabiskonsum selbst verursacht wird und leicht mit einem CED-Schub verwechselt werden kann.⁶ Betroffene und Ärzte sollten dieses Krankheitsbild als Differentialdiagnose kennen.

Fazit

Für Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa gibt es aktuell kein in der EU zugelassenes cannabisbasiertes Arzneimittel. Medizinisches Cannabis kann im Einzelfall – nach ärztlicher Prüfung – als symptomlindernde Zusatzoption in Betracht gezogen werden, ersetzt aber nicht die entzündungshemmende Basistherapie und macht regelmäßige gastroenterologische Verlaufskontrollen nicht überflüssig. Die Entscheidung und Begleitung sollte durch den behandelnden Gastroenterologen erfolgen.

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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Quellen

1. Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) e.V.: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen – Zahlen und Fakten 2. Massa F et al. (2004): The endogenous cannabinoid system protects against colonic inflammation. J Clin Invest 113(8):1202–1209 3. Naftali T et al. (2013): Cannabis induces a clinical response in patients with Crohn's disease: a prospective placebo-controlled study. Clin Gastroenterol Hepatol 11(10):1276–1280 4. Naftali T et al. (2017): Low-Dose Cannabidiol Is Safe but Not Effective in the Treatment for Crohn's Disease, a Randomized Controlled Trial. Dig Dis Sci 62(11):3131–3134 5. Storr M et al. (2014): Cannabis use provides symptom relief in patients with inflammatory bowel disease but is associated with worse disease prognosis in patients with Crohn's disease. Inflamm Bowel Dis 20(3):472–480 6. Sorensen CJ et al. (2017): Cannabinoid Hyperemesis Syndrome: Diagnosis, Pathophysiology, and Treatment—a Systematic Review. J Med Toxicol 13(1):71–87

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