Die kurze Antwort
Kleine randomisierte Studien zeigen, dass Cannabinoide bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa bei einem Teil der Behandelten Beschwerden wie Schmerzen, Übelkeit oder Appetitlosigkeit verringern können, die Entzündung im Darm geht dabei aber nachweislich nicht zurück. Zwei Cochrane-Übersichten von 2018 bewerten die Wirkung als unsicher. Es gibt kein zugelassenes cannabisbasiertes Arzneimittel und keine Leitlinienempfehlung für diese Erkrankungen, und eine Cannabistherapie darf nie dazu führen, Verlaufskontrollen auszulassen oder die entzündungshemmende Therapie zu reduzieren.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind die beiden häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Nach Angaben der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung leben in Deutschland schätzungsweise 400.000 Menschen mit einer CED.¹ Beide Erkrankungen beginnen meist im jungen Erwachsenenalter, verlaufen in Schüben und begleiten die Betroffenen ein Leben lang.
Die beiden Erkrankungen unterscheiden sich in Ort und Art der Entzündung:
- Morbus Crohn kann den gesamten Verdauungstrakt vom Mund bis zum After befallen, am häufigsten den letzten Dünndarmabschnitt und den Dickdarm. Die Entzündung erfasst alle Wandschichten und tritt abschnittsweise auf. Typische Komplikationen sind Engstellen (Stenosen), Fisteln und Abszesse.
- Colitis ulcerosa ist auf den Dickdarm beschränkt, beginnt im Enddarm und breitet sich zusammenhängend nach oben aus. Die Entzündung betrifft nur die Schleimhaut. Typisch sind blutig-schleimige Durchfälle.
Gemeinsame Symptome sind Bauchschmerzen, Durchfälle, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erschöpfung und Blutarmut. Beide Erkrankungen können sich auch außerhalb des Darms zeigen: an Gelenken, Haut, Augen und Leber.
Ursachen
Die Ursache ist nicht vollständig geklärt. Nach heutigem Verständnis führt bei genetisch veranlagten Menschen eine Fehlregulation des Immunsystems gegenüber der eigenen Darmflora zu einer chronischen Entzündung. Umweltfaktoren wie Rauchen, Ernährung, Antibiotika in der Kindheit und Infektionen beeinflussen das Risiko. Rauchen verschlechtert den Morbus Crohn deutlich, während es bei Colitis ulcerosa paradoxerweise mit einem milderen Verlauf verbunden ist.
Das Endocannabinoid-System ist auch im Verdauungstrakt aktiv. Es reguliert Darmbewegung, Schmerzempfindung, Appetit und Entzündungsvorgänge. Eine grundlegende tierexperimentelle Arbeit von 2004 zeigte, dass das körpereigene Cannabinoidsystem vor Darmentzündung schützt.² Das ist die wissenschaftliche Grundlage für das Interesse an Cannabinoiden bei CED, aber es ist ein Ergebnis aus dem Tiermodell.
Diagnose und Verlaufskontrolle
Die Diagnose stellt eine Gastroenterologin oder ein Gastroenterologe anhand von Krankengeschichte, Laborwerten (Entzündungswerte, Blutbild, Calprotectin im Stuhl), Darmspiegelung mit Gewebeproben und je nach Fragestellung Ultraschall oder Magnetresonanztomographie des Darms.
Die Verlaufskontrolle ist bei CED entscheidend. Das Behandlungsziel ist heute nicht nur Beschwerdefreiheit, sondern die Abheilung der Schleimhaut, weil eine unbemerkt fortschreitende Entzündung zu Komplikationen führt. Deshalb werden auch beschwerdefreie Betroffene regelmäßig mit Laborwerten, Calprotectin und in Abständen mit Darmspiegelungen kontrolliert.
Die Standardbehandlung
Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie sehen eine an Schwere und Ausdehnung angepasste Stufentherapie vor:³ ⁴
- Aminosalicylate (Mesalazin) bei leichter bis mittelschwerer Colitis ulcerosa
- Kortikosteroide zur Behandlung eines Schubs, nicht zur Dauertherapie
- Immunsuppressiva wie Azathioprin oder Methotrexat zum Erhalt der Remission
- Biologika wie TNF-alpha-Antikörper (Infliximab, Adalimumab), Vedolizumab oder Ustekinumab und neuere Wirkstoffe wie JAK-Inhibitoren bei mittelschweren bis schweren Verläufen
- Operationen bei Komplikationen; bei Colitis ulcerosa kann die Entfernung des Dickdarms die Erkrankung beenden
- Begleitend Ernährungsberatung, Behandlung von Mangelzuständen, psychologische Unterstützung und Rauchstopp bei Morbus Crohn
Mit diesen Mitteln erreichen die meisten Betroffenen eine stabile Remission. Die Behandlung ist aber aufwendig, die Medikamente haben Nebenwirkungen, und ein Teil der Betroffenen leidet trotz kontrollierter Entzündung weiter unter Schmerzen, Übelkeit oder Appetitlosigkeit.
Was die Studien zu Cannabis bei CED zeigen
Die klinische Forschung zu Cannabinoiden bei CED stammt überwiegend aus einer israelischen Arbeitsgruppe und besteht aus kleinen, kurzen Studien. Das Muster der Ergebnisse ist über die Jahre bemerkenswert einheitlich:
- Morbus Crohn, 2013: 21 Betroffene mit therapieresistentem Morbus Crohn erhielten acht Wochen lang THC-reiches Cannabis oder Placebo zur Inhalation. Eine klinische Remission erreichten 45 % unter Cannabis gegenüber 10 % unter Placebo; bei dieser Teilnehmerzahl war der Unterschied nicht statistisch signifikant. Die Entzündungswerte veränderten sich nicht.⁵
- Morbus Crohn, 2017: Niedrig dosiertes CBD allein zeigte in einer randomisierten Studie keine Wirkung gegenüber Placebo.⁶
- Morbus Crohn, 2021: Ein CBD-reiches Cannabisöl mit THC-Anteil verbesserte in einer randomisierten Studie Lebensqualität und Beschwerden, aber weder Entzündungswerte noch den endoskopischen Befund.⁷
- Colitis ulcerosa, 2021: THC-reiches Cannabis führte in einer randomisierten Studie zu einer klinischen Besserung, aber nicht zu einer endoskopisch nachweisbaren Remission.⁸
Zwei Cochrane-Übersichten von 2018 kamen zu dem Schluss, dass die Wirkung von Cannabis und Cannabinoiden bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa unsicher ist und die Studien zu klein und zu kurz sind, um Nutzen und Sicherheit zu beurteilen.⁹
Die entscheidende Einschränkung: Beschwerden sind nicht die Entzündung
Das ist der wichtigste Punkt für Betroffene. Alle vorliegenden Studien zeigen dasselbe Bild: Cannabinoide können bei einem Teil der Behandelten Beschwerden wie Schmerzen, Appetitlosigkeit und Übelkeit verringern, aber die Entzündung im Darm geht nachweislich nicht zurück. Wer sich besser fühlt, hat deshalb keine besser kontrollierte Erkrankung.
Wie folgenreich das sein kann, zeigt eine Befragung von CED-Betroffenen aus dem Jahr 2014: Cannabiskonsum ging mit subjektiver Beschwerdelinderung einher, bei Morbus Crohn aber auch mit einem höheren Risiko für spätere Operationen.¹⁰ Die Autoren vermuten, dass die Symptomlinderung dazu verleitet, eine fortschreitende Entzündung zu spät zu erkennen und die Basistherapie zu vernachlässigen. Ob Cannabis den Verlauf direkt verschlechtert oder nur die Warnsignale überdeckt, ist nicht geklärt. Für die Praxis macht das keinen Unterschied: Eine Cannabistherapie darf nie dazu führen, Verlaufskontrollen auszulassen oder die entzündungshemmende Therapie zu reduzieren.
Weitere Risiken bei CED
- Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom: Bei regelmäßigem, hoch dosiertem Cannabisgebrauch kann es zu wiederkehrenden Attacken heftiger Übelkeit und Erbrechens kommen, die paradoxerweise durch das Cannabis selbst verursacht werden und leicht mit einem Schub verwechselt werden.¹¹ Typisch ist, dass heißes Duschen die Beschwerden lindert. Die einzige Behandlung ist das Absetzen.
- Verlangsamte Darmbewegung: THC hemmt die Darmmotilität. Bei Engstellen im Darm kann das problematisch sein.
- Wechselwirkungen: Cannabinoide werden über dieselben Leberenzyme abgebaut wie einige Immunsuppressiva, etwa Tacrolimus. Mehr dazu im Beitrag zu Wechselwirkungen.
- Inhalation: Rauchen ist bei Morbus Crohn ohnehin schädlich; Cannabis sollte, wenn überhaupt, mit einem Verdampfer angewendet werden.
- Die allgemeinen Risiken wie Abhängigkeitspotenzial, Beeinträchtigung von Konzentration und Fahrtüchtigkeit und Vorsicht bei psychischen Vorerkrankungen gelten auch hier. Eine Übersicht bietet der Beitrag zu Nebenwirkungen und Risiken.
Wann cannabisbasierte Arzneimittel im Einzelfall erwogen werden
Für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gibt es kein zugelassenes cannabisbasiertes Arzneimittel und keine Leitlinienempfehlung. Cannabinoide sind keine Behandlung der Erkrankung, sondern höchstens eine ergänzende Option gegen Beschwerden, die trotz kontrollierter Entzündung fortbestehen, etwa chronische Bauchschmerzen, Übelkeit oder Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust.
Voraussetzung ist eine gesicherte Diagnose, eine laufende gastroenterologische Behandlung, eine dokumentierte leitliniengerechte Therapie und das Wissen der behandelnden Gastroenterologin oder des Gastroenterologen. Eine Ärztin oder ein Arzt, die eine telemedizinische Anfrage beurteilen, werden nach dem aktuellen Befund, der Medikation und den Verlaufskontrollen fragen. Ohne diese Unterlagen ist eine Beurteilung nicht möglich. Ein Anspruch auf eine Verordnung besteht nicht.
Wann Sie ärztliche Hilfe suchen sollten
Bei Durchfällen über mehr als vier Wochen, Blut im Stuhl, nächtlichen Bauchschmerzen, ungewolltem Gewichtsverlust oder Fieber ohne erklärbare Ursache ist eine gastroenterologische Abklärung angezeigt. Wer eine CED hat und unter Cannabis neue oder stärkere Übelkeit entwickelt, sollte das ärztlich abklären lassen, weil dahinter ein Schub oder ein Hyperemesis-Syndrom stecken kann. Die DCCV bietet Betroffenen Beratung und Selbsthilfegruppen.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Es besteht kein Anspruch auf eine Verordnung.
Quellen
- Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) e. V.: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen – Zahlen und Fakten
- Massa F et al. (2004): The endogenous cannabinoid system protects against colonic inflammation. Journal of Clinical Investigation 113(8):1202–1209
- Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Morbus Crohn (AWMF-Registernr. 021-004)
- Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten: S3-Leitlinie Colitis ulcerosa (AWMF-Registernr. 021-009)
- Naftali T et al. (2013): Cannabis induces a clinical response in patients with Crohn's disease: a prospective placebo-controlled study. Clinical Gastroenterology and Hepatology 11(10):1276–1280
- Naftali T et al. (2017): Low-Dose Cannabidiol Is Safe but Not Effective in the Treatment for Crohn's Disease, a Randomized Controlled Trial. Digestive Diseases and Sciences 62(11):3131–3134
- Naftali T et al. (2021): Oral CBD-rich cannabis induces clinical but not endoscopic response in patients with Crohn's disease, a randomised controlled trial. Digestive and Liver Disease 53(11):1421–1426
- Naftali T et al. (2021): Cannabis is associated with clinical but not endoscopic remission in ulcerative colitis: A randomized controlled trial. PLoS ONE 16(2):e0246871
- Kafil TS et al. (2018): Cannabis for the treatment of Crohn's disease und Cannabis for the treatment of ulcerative colitis. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD012853 und CD012954
- Storr M et al. (2014): Cannabis use provides symptom relief in patients with inflammatory bowel disease but is associated with worse disease prognosis in patients with Crohn's disease. Inflammatory Bowel Diseases 20(3):472–480
- Sorensen CJ et al. (2017): Cannabinoid Hyperemesis Syndrome: Diagnosis, Pathophysiology, and Treatment – a Systematic Review. Journal of Medical Toxicology 13(1):71–87