Die kurze Antwort
Die WHO führt Burnout seit 2019 in der ICD-11 als „berufliches Phänomen“, nicht als Krankheit, gekennzeichnet durch Erschöpfung, zunehmende mentale Distanz zur Arbeit und verminderte Leistungsfähigkeit. Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie, ergänzt durch Veränderungen am Arbeitsplatz, Bewegung und geschützten Schlaf; ein Medikament gegen Burnout selbst gibt es nicht. Burnout ist keine Indikation für medizinisches Cannabis, und kontrollierte Studien zu einem Nutzen von Cannabinoiden bei Burnout gibt es nicht.
Burnout: mehr als Erschöpfung
Die Weltgesundheitsorganisation hat Burnout 2019 in die elfte Fassung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) aufgenommen, allerdings nicht als Krankheit, sondern als „berufliches Phänomen“, das die Gesundheit beeinflusst. Die Definition nennt drei Dimensionen:¹
- ein Gefühl von Energieverlust und Erschöpfung,
- eine zunehmende mentale Distanz zur Arbeit, oft verbunden mit Zynismus oder innerer Kündigung,
- eine verminderte berufliche Leistungsfähigkeit.
Diese Einordnung ist wichtig. Burnout bezieht sich ausdrücklich auf den beruflichen Kontext und ist keine eigenständige Diagnose im Sinne einer psychischen Erkrankung. In der noch verwendeten ICD-10 wird Burnout unter der Zusatzziffer Z73.0 („Ausgebranntsein“) erfasst, also unter den Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen, nicht unter den Krankheiten.
Symptome: Wie sich Burnout äußert
Burnout entwickelt sich schleichend, oft über Monate oder Jahre. Typische Anzeichen sind:
- Körperlich: anhaltende Müdigkeit trotz Schlaf, Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, erhöhte Infektanfälligkeit, Herzklopfen, Tinnitus
- Emotional: Gereiztheit, Gefühl der inneren Leere, Gleichgültigkeit, Verlust der Freude an Dingen, die früher wichtig waren, Gefühl des Versagens
- Kognitiv: Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Entscheidungsschwierigkeiten, Grübeln
- Verhalten: sozialer Rückzug, Vernachlässigung von Hobbys und Beziehungen, vermehrter Konsum von Alkohol, Nikotin oder anderen Substanzen, Präsentismus (arbeiten trotz Krankheit) oder umgekehrt häufige Fehlzeiten
Viele Betroffene beschreiben, dass sie lange „funktioniert“ haben und der Zusammenbruch dann scheinbar plötzlich kam. Tatsächlich haben sie die Warnsignale meist über lange Zeit übergangen.
Burnout, Depression und Erschöpfung: die Unterschiede
Burnout und Depression überschneiden sich in vielen Symptomen und werden häufig verwechselt. Es gibt aber Unterschiede:
- Burnout entsteht aus chronischem Stress in einem bestimmten Kontext, meist der Arbeit, und ist zunächst an diesen Kontext gebunden. Im Urlaub oder am Wochenende geht es Betroffenen anfangs oft besser.
- Depression ist eine psychische Erkrankung, die alle Lebensbereiche erfasst. Typisch sind gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Antriebslosigkeit, Schuldgefühle, vermindertes Selbstwertgefühl und in schweren Fällen Suizidgedanken, unabhängig von der Situation.
In der Praxis geht ein unbehandeltes Burnout häufig in eine Depression über, und beide können gleichzeitig vorliegen. Auch eine Angststörung, eine Schilddrüsenerkrankung, eine Anämie, eine Schlafapnoe oder ein chronisches Erschöpfungssyndrom können hinter anhaltender Erschöpfung stecken. Die Abgrenzung gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Hände, weil sich die Behandlung unterscheidet.
Ursachen und Risikofaktoren
Burnout entsteht aus einem dauerhaften Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Ressourcen. Die Burnout-Forschung, geprägt von Christina Maslach, beschreibt sechs Bereiche, in denen dieses Ungleichgewicht entsteht:²
- Arbeitsmenge: zu viel Arbeit in zu wenig Zeit, ohne Phasen der Erholung
- Kontrolle: wenig Einfluss auf die eigene Arbeit, Entscheidungen werden über den Kopf hinweg getroffen
- Anerkennung: fehlende Wertschätzung, finanziell und persönlich
- Gemeinschaft: Konflikte, Isolation, fehlende Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte
- Fairness: Ungerechtigkeit, Bevorzugung, Intransparenz
- Werte: Widerspruch zwischen den eigenen Überzeugungen und dem, was die Arbeit verlangt
Persönliche Faktoren wie Perfektionismus, hohes Verantwortungsgefühl, Schwierigkeiten beim Abgrenzen und die Tendenz, den eigenen Wert über Leistung zu definieren, erhöhen das Risiko. Besonders betroffen sind Berufe mit hoher emotionaler Beanspruchung: Pflege, Medizin, Lehre, soziale Arbeit, aber auch Führungskräfte und Selbstständige.
Folgen für die Gesundheit
Chronischer Stress hält die Stressachse des Körpers (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) dauerhaft aktiv. Der Cortisolspiegel bleibt erhöht oder gerät bei langer Belastung aus dem Gleichgewicht. Die Folgen sind messbar:
- Ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Eine große Auswertung europäischer Studien fand bei hoher Arbeitsbelastung ein um etwa ein Viertel erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheit.³
- Geschwächte Immunabwehr und häufigere Infekte
- Schlafstörungen, die die Erschöpfung weiter verstärken
- Muskel-Skelett-Beschwerden, vor allem Nacken- und Rückenschmerzen
- Ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen und Suchterkrankungen
Diagnose und Abklärung
Weil Burnout keine Diagnose im eigentlichen Sinn ist, gibt es keinen Test, der es eindeutig feststellt. Fragebögen wie das Maslach Burnout Inventory erfassen die Ausprägung der drei Dimensionen. Wichtiger ist die ärztliche Abklärung: Eine Blutuntersuchung schließt körperliche Ursachen wie Schilddrüsenstörungen, Blutarmut oder Vitaminmangel aus. Ein ausführliches Gespräch klärt, ob eine Depression, eine Angststörung oder eine andere psychische Erkrankung vorliegt. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, die bei Bedarf an Psychotherapeuten, Psychiater oder eine psychosomatische Klinik überweist.
Behandlungsmöglichkeiten
Psychotherapie
Die kognitive Verhaltenstherapie ist bei stressbedingten Erschöpfungszuständen am besten untersucht. Sie hilft, überhöhte Ansprüche an sich selbst zu erkennen, Grenzen zu setzen, den Umgang mit Belastungen zu verändern und Erholungsfähigkeit wiederzugewinnen.⁴ Auch achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) zeigte in kontrollierten Studien eine Verringerung von Stresssymptomen und emotionaler Erschöpfung.⁵
Veränderungen am Arbeitsplatz
Eine Behandlung, die nur bei der betroffenen Person ansetzt, greift zu kurz, wenn die Arbeitsbedingungen unverändert bleiben. Dazu gehören Gespräche mit Vorgesetzten, eine Anpassung von Aufgaben und Arbeitszeit, in manchen Fällen ein Wechsel der Stelle. Betriebsärzte und betriebliche Sozialberatungen können vermitteln. Nach längerer Krankschreibung unterstützt die stufenweise Wiedereingliederung („Hamburger Modell“) den Wiedereinstieg.
Stationäre und rehabilitative Angebote
Bei schwerer Ausprägung, wenn eine ambulante Behandlung nicht ausreicht, kommt eine psychosomatische Rehabilitation oder ein stationärer Aufenthalt in Betracht. Die Kostenträger sind je nach Situation Rentenversicherung oder Krankenkasse.
Medikamente
Für Burnout selbst gibt es kein Medikament. Antidepressiva sind angezeigt, wenn eine Depression vorliegt. Schlafmittel sollten nur kurzfristig eingesetzt werden. Pflanzliche Präparate wie Johanniskraut haben bei leichter Depression eine gewisse Evidenz, bei Burnout ist sie nicht belegt.
Was Betroffene selbst tun können
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität gehört zu den am besten belegten Maßnahmen gegen Stress und depressive Symptome.⁶
- Schlaf schützen: feste Zeiten, keine Arbeit im Bett, keine Bildschirme in der letzten Stunde
- Grenzen setzen: erreichbare Zeiten definieren, Pausen einplanen, Nein sagen
- Soziale Kontakte pflegen statt zurückziehen
- Alkohol und andere Substanzen nicht zur Bewältigung einsetzen. Sie verschieben das Problem und verschlechtern Schlaf und Stimmung.
Medizinisches Cannabis bei Burnout: die Faktenlage
Weil Medicanova Anfragen zu vielen Beschwerdebildern erhält, gehört diese Frage hierher, auch wenn die Antwort kurz ist: Burnout ist keine Indikation für medizinisches Cannabis.
Dafür gibt es drei Gründe. Erstens ist Burnout keine Krankheit im Sinne der Klassifikation, und die gesetzliche Grundlage für eine Cannabistherapie zulasten der Krankenkasse setzt eine schwerwiegende Erkrankung voraus. Zweitens gibt es keine kontrollierten Studien, die einen Nutzen von Cannabinoiden bei Burnout untersucht hätten. Drittens sprechen die vorhandenen Daten zur Wirkung von THC auf Stress eher dagegen: In einer kontrollierten Studie verringerte eine niedrige THC-Dosis die subjektive Anspannung unter Stress, eine höhere Dosis erhöhte sie.⁷ Dazu kommen die bekannten Risiken: Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, die die berufliche Leistungsfähigkeit weiter beeinträchtigen, ein Abhängigkeitspotenzial und das Risiko, eine beginnende Depression oder Angststörung zu überdecken statt zu behandeln.
Ärztinnen und Ärzte, die telemedizinische Anfragen beurteilen, lehnen Anfragen, die allein mit Burnout oder Stress begründet sind, in der Regel ab. Liegt eine andere, gesicherte Diagnose vor, etwa chronische Schmerzen oder eine schwere Schlafstörung mit dokumentierter Vorbehandlung, ist das eine gesonderte Frage, die im Einzelfall geprüft wird. Ein Anspruch auf eine Verordnung besteht in keinem Fall.
Wann Sie Hilfe suchen sollten
Wenn Erschöpfung, Schlafprobleme, Gereiztheit oder Gleichgültigkeit länger als einige Wochen anhalten und Arbeit, Beziehungen oder Alltag beeinträchtigen, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung angezeigt. Warten Sie nicht, bis nichts mehr geht. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, wenden Sie sich sofort an Ihre Hausarztpraxis, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei.
Burnout ist gut behandelbar. Je früher gegengesteuert wird, desto kürzer ist der Weg zurück.
---
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- World Health Organization (2019): ICD-11, QD85 Burn-out
- Maslach C, Leiter MP (2016): Understanding the burnout experience: recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry 15(2):103–111
- Kivimäki M et al. (2012): Job strain as a risk factor for coronary heart disease: a collaborative meta-analysis of individual participant data. The Lancet 380(9852):1491–1497
- van der Klink JJL et al. (2001): The benefits of interventions for work-related stress. American Journal of Public Health 91(2):270–276
- Grossman P et al. (2004): Mindfulness-based stress reduction and health benefits: a meta-analysis. Journal of Psychosomatic Research 57(1):35–43
- Rebar AL et al. (2015): A meta-meta-analysis of the effect of physical activity on depression and anxiety in non-clinical adult populations. Health Psychology Review 9(3):366–378
- Childs E, Lutz JA, de Wit H (2017): Dose-related effects of delta-9-THC on emotional responses to acute psychosocial stress. Drug and Alcohol Dependence 177:136–144