Die kurze Antwort
ADHS bleibt bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen; die Häufigkeit bei Erwachsenen wird international auf etwa 2,5 bis 3 % geschätzt. Die Diagnose ist eine klinische Entscheidung von Fachärzten oder qualifizierten Psychotherapeuten und setzt voraus, dass die Symptome schon vor dem zwölften Lebensjahr bestanden. Die S3-Leitlinie empfiehlt eine multimodale Behandlung, je nach Schweregrad mit Medikamenten wie Methylphenidat und mit Psychotherapie. Für medizinisches Cannabis ist die Grundlage dünn: Die einzige randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 30 Erwachsenen fand beim primären Zielkriterium keinen signifikanten Unterschied.
ADHS ist keine Kinderkrankheit
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird meist mit Kindern verbunden. Tatsächlich bestehen die Symptome bei einem großen Teil der Betroffenen fort: Nach einer Übersichtsarbeit erfüllen etwa 15 % der als Kind Diagnostizierten im Alter von 25 Jahren noch die vollen Kriterien, und rund zwei Drittel haben weiterhin beeinträchtigende Symptome.¹ Die Häufigkeit von ADHS bei Erwachsenen wird international auf etwa 2,5 bis 3 % geschätzt.²
Viele Erwachsene erhalten ihre Diagnose spät, oft erst, wenn berufliche Probleme, Beziehungskonflikte oder Begleiterkrankungen wie Depressionen den Leidensdruck erhöhen. Nicht selten wird ADHS bei einem Erwachsenen erst erkannt, wenn das eigene Kind die Diagnose erhält.
Symptome bei Erwachsenen
Das Erscheinungsbild verändert sich mit dem Alter. Die motorische Unruhe des Kindesalters tritt in den Hintergrund, die Kernprobleme bleiben:
Unaufmerksamkeit
- Schwierigkeiten, bei einer Aufgabe zu bleiben, besonders bei Routinetätigkeiten
- Leichte Ablenkbarkeit durch äußere Reize und eigene Gedanken
- Flüchtigkeitsfehler, Vergessen von Terminen, Verlieren von Gegenständen
- Probleme mit Planung, Zeitmanagement und dem Beginnen von Aufgaben (Prokrastination)
- Unfertige Projekte, chaotische Ablage, verpasste Fristen
Hyperaktivität, als innere Unruhe
- Rastlosigkeit, Schwierigkeiten, still zu sitzen oder zu entspannen
- Gedankenrasen, ständiges Beschäftigtsein
- Viel reden, andere unterbrechen
Impulsivität
- Spontane Entscheidungen, die später bereut werden, etwa bei Käufen oder Jobwechseln
- Ungeduld, Schwierigkeiten zu warten
- Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit, die oft als Persönlichkeitsmerkmal fehlgedeutet werden
Ein häufig unterschätztes Merkmal ist die emotionale Dysregulation: intensive, schnell wechselnde Gefühle und eine geringe Frustrationstoleranz. Viele Betroffene beschreiben außerdem, dass sie sich bei Dingen, die sie fesseln, im Gegenteil ungewöhnlich lange konzentrieren können („Hyperfokus“). Das widerspricht der Diagnose nicht, sondern ist typisch.
Häufige Begleiterkrankungen
ADHS tritt bei Erwachsenen selten allein auf. In einer großen US-Bevölkerungsstudie hatten Erwachsene mit ADHS deutlich häufiger weitere psychische Erkrankungen:³
- Angststörungen bei etwa der Hälfte
- Depressionen bei einem Drittel bis zur Hälfte
- Substanzgebrauchsstörungen, darunter auch problematischer Cannabiskonsum, deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung⁴
- Schlafstörungen, insbesondere ein verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus
- Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen
Diese Begleiterkrankungen sind oft der Grund, warum Betroffene überhaupt Hilfe suchen, und sie erschweren die Diagnose, weil sich Symptome überlagern.
Diagnose: Wie ADHS bei Erwachsenen festgestellt wird
Es gibt keinen Bluttest und kein bildgebendes Verfahren, das ADHS nachweist. Die Diagnose ist eine klinische Entscheidung, die eine Fachärztin oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder eine entsprechend qualifizierte psychologische Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut trifft. Sie stützt sich auf mehrere Bausteine:
- Ausführliche Anamnese der aktuellen Symptome in verschiedenen Lebensbereichen (Arbeit, Beziehungen, Alltag)
- Kindheitsanamnese: Nach den Klassifikationssystemen müssen die Symptome bereits vor dem zwölften Lebensjahr bestanden haben. Schulzeugnisse, Berichte von Eltern oder Geschwistern helfen.
- Strukturierte Interviews und Fragebögen wie das DIVA-5-Interview, die Wender-Utah-Rating-Scale (WURS-k) für die Kindheitssymptome oder die ADHS-Selbstbeurteilungsskala
- Ausschluss anderer Ursachen: Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, Depressionen, Angststörungen, Substanzkonsum oder eine bipolare Störung können ähnliche Symptome hervorrufen.
- Bei Bedarf neuropsychologische Tests zu Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen, die die Diagnose stützen, aber nicht allein begründen können
Die Wartezeiten auf eine Diagnostik sind in Deutschland lang. Die Überweisung erfolgt in der Regel über die Hausarztpraxis.
Behandlung: Was die Leitlinie empfiehlt
Die S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ empfiehlt eine multimodale Behandlung, die sich nach dem Schweregrad richtet.⁵ Ziel ist nicht, die Symptome vollständig zu beseitigen, sondern die Beeinträchtigung im Alltag zu verringern.
Medikamente
Bei mittelschwerer bis schwerer ADHS sind Medikamente ein zentraler Baustein:
- Methylphenidat ist das am längsten und besten untersuchte Mittel. Es ist in retardierter Form für Erwachsene zugelassen.
- Lisdexamfetamin, ein Amphetamin-Abkömmling, ist in Deutschland seit 2019 auch für Erwachsene zugelassen.
- Atomoxetin, ein Nicht-Stimulans, ist eine Alternative, etwa bei gleichzeitiger Suchterkrankung oder wenn Stimulanzien nicht vertragen werden. Die Wirkung setzt verzögert ein.
Eine große Netzwerk-Metaanalyse von 2018 bestätigte die Wirksamkeit von Stimulanzien bei Erwachsenen und stufte Amphetamine und Methylphenidat als wirksamste Optionen ein.⁶ Häufige Nebenwirkungen sind Appetitverlust, Schlafprobleme, erhöhter Blutdruck und Herzfrequenz. Eine regelmäßige ärztliche Kontrolle ist erforderlich.
Psychotherapie
Die kognitive Verhaltenstherapie, speziell auf ADHS zugeschnitten, vermittelt Strategien zu Organisation, Zeitmanagement, Impulskontrolle und Umgang mit Selbstwertproblemen. Eine randomisierte Studie zeigte, dass eine solche Therapie zusätzlich zur Medikation die Symptome stärker verringerte als Entspannungstraining.⁷
Psychoedukation, Coaching und Alltagsstrategien
Das Verständnis der eigenen Störung ist die Grundlage jeder Behandlung. ADHS-Coaching und Selbsthilfegruppen können bei der Umsetzung im Alltag helfen, ersetzen aber keine Behandlung. Bewährte Strategien sind externe Strukturen: Kalender, Erinnerungen, Aufgabenlisten, feste Routinen, Aufgaben in kleine Schritte zerlegen, störungsfreie Arbeitsumgebung, ausreichend Schlaf und Bewegung.
Medizinisches Cannabis bei ADHS: die Faktenlage
Die Frage wird häufig gestellt, weil viele Erwachsene mit ADHS berichten, dass Cannabis sie beruhige oder ihre innere Unruhe dämpfe. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist dünn.
Die einzige randomisierte, placebokontrollierte Studie stammt aus dem Jahr 2017: 30 Erwachsene mit ADHS erhielten sechs Wochen lang ein THC-CBD-Mundspray oder Placebo. Beim primären Zielkriterium, einem Test kognitiver Leistung und Aktivität, zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Bei einigen sekundären Maßen wie Hyperaktivität und Impulsivität gab es Hinweise auf eine Besserung, die bei der kleinen Teilnehmerzahl nicht belastbar sind. Die Autoren selbst bewerteten ihre Ergebnisse als vorläufig.⁸
Darüber hinaus gibt es Fallberichte und Beobachtungen, aber keine Studie, die einen Nutzen belegt. ADHS ist in keiner Leitlinie als Indikation für cannabisbasierte Arzneimittel genannt. In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte machte ADHS nur einen kleinen Anteil der erfassten Verordnungen aus.⁹
Dem gegenüber stehen konkrete Risiken:
- THC beeinträchtigt Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Reaktionszeit, also genau die Funktionen, die bei ADHS ohnehin eingeschränkt sind.
- Menschen mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko, eine Cannabisabhängigkeit zu entwickeln.⁴ Der Übergang von Selbstmedikation zu problematischem Konsum ist fließend.
- In Kombination mit Stimulanzien sind Wechselwirkungen auf Herz und Kreislauf möglich. Mehr dazu im Beitrag zu Wechselwirkungen.
- Bei einem Beginn des Konsums im Jugendalter, was bei ADHS häufig ist, sind die Auswirkungen auf die Hirnentwicklung besonders relevant.
Ob eine cannabisbasierte Therapie bei ADHS im Einzelfall vertretbar ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Voraussetzung ist in jedem Fall eine fachärztlich gesicherte Diagnose und eine dokumentierte leitliniengerechte Behandlung, die nicht ausreichend gewirkt hat oder nicht vertragen wurde. Eine Anfrage ohne gesicherte Diagnose wird abgelehnt. Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse ist bei ADHS unwahrscheinlich, weil der Nutzen nicht belegt ist. Ein Anspruch auf eine Verordnung besteht nicht.
Wann Sie ärztliche Hilfe suchen sollten
Wenn Sie sich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennen und diese seit der Kindheit bestehen sowie Arbeit, Beziehungen oder Alltag erheblich beeinträchtigen, ist eine fachärztliche Abklärung sinnvoll. Ein Selbsttest im Internet kann ein erster Hinweis sein, ersetzt aber keine Diagnostik. Die Hausarztpraxis kann überweisen; in vielen Regionen gibt es spezialisierte ADHS-Sprechstunden an psychiatrischen Kliniken und Universitätsambulanzen.
Eine späte Diagnose ist keine verlorene Zeit. Viele Erwachsene berichten, dass allein das Verständnis der eigenen Schwierigkeiten eine erhebliche Entlastung bedeutet.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Es besteht kein Anspruch auf eine Verordnung.
Quellen
- Faraone SV, Biederman J, Mick E (2006): The age-dependent decline of attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis of follow-up studies. Psychological Medicine 36(2):159–165
- Fayyad J et al. (2017): The descriptive epidemiology of DSM-IV Adult ADHD in the World Health Organization World Mental Health Surveys. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders 9(1):47–65
- Kessler RC et al. (2006): The prevalence and correlates of adult ADHD in the United States: results from the National Comorbidity Survey Replication. American Journal of Psychiatry 163(4):716–723
- Lee SS et al. (2011): Prospective association of childhood attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and substance use and abuse/dependence: a meta-analytic review. Clinical Psychology Review 31(3):328–341
- AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Registernr. 028-045)
- Cortese S et al. (2018): Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry 5(9):727–738
- Safren SA et al. (2010): Cognitive behavioral therapy vs relaxation with educational support for medication-treated adults with ADHD and persistent symptoms: a randomized controlled trial. JAMA 304(8):875–880
- Cooper RE et al. (2017): Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial. European Neuropsychopharmacology 27(8):795–808
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2022): Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 SGB V