ADHS ist keine Kinderkrankheit
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird häufig mit Kindern assoziiert – doch aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass die Symptome bei 50–60 % der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter persistieren.¹ Die Prävalenz von ADHS bei Erwachsenen wird in Deutschland auf ca. 2,5–4 % geschätzt.²
Viele Erwachsene mit ADHS erhalten erst spät eine Diagnose – oft nachdem Partnerschaftsprobleme, berufliche Schwierigkeiten oder psychische Begleiterkrankungen den Leidensdruck erhöht haben.
Symptome bei Erwachsenen
Das Erscheinungsbild von ADHS verändert sich mit dem Alter. Hyperaktivität tritt seltener motorisch in Erscheinung, zeigt sich aber häufig als innere Unruhe:
Aufmerksamkeitssymptome
- Schwierigkeiten, bei Aufgaben zu bleiben und Ablenkungen zu widerstehen
- Häufiges Verlieren von Gegenständen und Vergessen von Terminen
- Probleme mit Zeitmanagement und Planung
- Tendenz zu Prokrastination
Impulsivitätssymptome
- Spontane, oft bereute Entscheidungen
- Unterbrechen von Gesprächspartnern
- Schwierigkeiten, auf die eigene Reihe zu warten
Hyperaktivitätssymptome (veränderte Ausprägung)
- Innere Unruhe und Rastlosigkeit
- Gedankenrasen, Schwierigkeiten beim Entspannen
- Ständig beschäftigt sein müssen
Häufige Begleiterkrankungen
ADHS tritt selten allein auf. Häufige Komorbiditäten sind:³
- Angststörungen (ca. 50 % der ADHS-Patienten)
- Depressionen (ca. 30–40 %)
- Schlafstörungen
- Suchterkrankungen (erhöhtes Risiko durch Selbstmedikationsversuche)
- Persönlichkeitsstörungen
Diagnose
Die Diagnose bei Erwachsenen stellt besondere Anforderungen. Sie erfolgt durch einen Psychiater, Neurologen oder klinischen Psychologen anhand von:
- Standardisierten Fragebögen (z. B. WURS-k, ADHS-SB, Conners Adult ADHD Rating Scales)
- Ausführlicher Anamnese inkl. Kindheitsgeschichte
- Neuropsychologischer Testung (Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen)
- Ausschluss anderer Ursachen (z. B. Schilddrüsenerkrankungen, Depression)
Behandlungsoptionen
Pharmakotherapie
Die S3-Leitlinie ADHS der AWMF empfiehlt als Erstlinientherapie bei Erwachsenen:⁴
- Methylphenidat (MPH) – Wirksamkeitsnachweise aus zahlreichen randomisierten Studien
- Amphetaminhaltige Präparate (in Deutschland eingeschränkt zugelassen)
- Atomoxetin – nicht-stimulierendes Präparat, besonders bei komorbider Angst oder Substanzabhängigkeit
Psychotherapie
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) spezifisch für ADHS adressiert:
- Organisations- und Zeitmanagementstrategien
- Impulskontrolle
- Umgang mit Selbstwertproblemen und negativen Grundüberzeugungen
Die Kombination aus Pharmakotherapie und KVT ist nach aktueller Studienlage der Monotherapie überlegen.⁵
Psychoedukation und Coaching
Das Verständnis der eigenen ADHS (Psychoedukation) ist eine wichtige Grundlage der Behandlung. ADHS-Coaching kann helfen, Alltagsstrategien zu entwickeln – ist jedoch kein Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.
Wann zum Arzt?
Wenn Sie sich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennen und diese Ihren Alltag, Ihre Arbeit oder Beziehungen erheblich beeinträchtigen, empfiehlt sich eine fachärztliche Abklärung. Zuweisungen erfolgen in der Regel über den Hausarzt.
---
*Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.*
Quellen
1. Faraone SV et al. (2006): *Persistence of childhood ADHD into adulthood.* J Atten Disord 9(3):539–545 2. Polanczyk G et al. (2007): *The worldwide prevalence of ADHD.* Am J Psychiatry 164(6):942–948 3. Kessler RC et al. (2006): *The prevalence and correlates of adult ADHD in the United States.* Am J Psychiatry 163(4):716–723 4. AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Registernr. 028-045) 5. Safren SA et al. (2010): *Cognitive-behavioral therapy vs relaxation with educational support for ADHD in adults.* JAMA 304(8):875–880