Medicanova
Zurück zum Magazin
Medizin 11 Min. Lesezeit19. März 2026

Fibromyalgie: Ursachen, Diagnose und aktuelle Therapieoptionen

Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das in Deutschland schätzungsweise 2–3 % der Bevölkerung betrifft. Welche Behandlungsoptionen sind evidenzbasiert – und was zeigt die Forschung zu cannabisbasierten Arzneimitteln?

Medizinisch geprüft von Dr. med. Michael Masyk

Die kurze Antwort

Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzerkrankung mit Schmerzen in mehreren Körperregionen über mindestens drei Monate, Erschöpfung und nicht erholsamem Schlaf; betroffen sind schätzungsweise 2 bis 3 % der Bevölkerung. Sie gilt als Störung der zentralen Schmerzverarbeitung und wird klinisch diagnostiziert, ein Test existiert nicht. Nach S3-Leitlinie stehen nicht-medikamentöse Verfahren an erster Stelle, allen voran aerobes Ausdauertraining. Für cannabisbasierte Arzneimittel gibt die Leitlinie mangels aussagekräftiger Studien keine Empfehlung; sie sind keine Erstlinientherapie.

Was ist Fibromyalgie?

Das Fibromyalgiesyndrom ist eine chronische Schmerzerkrankung, bei der Schmerzen in mehreren Körperregionen über mindestens drei Monate bestehen und von ausgeprägter Erschöpfung, nicht erholsamem Schlaf und häufig auch Konzentrations- und Gedächtnisproblemen begleitet werden, dem sogenannten „Fibro-Nebel“. In Deutschland sind schätzungsweise 2 bis 3 % der Bevölkerung betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer.¹

Die Erkrankung hinterlässt keine Spuren, die sich mit Bildgebung oder Laborwerten nachweisen lassen. Gelenke, Muskeln und Sehnen sind nicht geschädigt. Das hat lange dazu geführt, dass Betroffene nicht ernst genommen wurden. Heute ist Fibromyalgie als Störung der zentralen Schmerzverarbeitung anerkannt und in der ICD-11 dem chronischen primären Schmerz zugeordnet.²

Ursachen: Was die Forschung weiß

Die genaue Ursache ist nicht geklärt. Gesichert ist, dass mehrere Faktoren zusammenwirken:

  • Zentrale Sensitivierung: Das Nervensystem verarbeitet Reize überempfindlich. Druck, Kälte oder Berührung, die andere kaum wahrnehmen, werden als schmerzhaft empfunden. Die körpereigene Schmerzhemmung ist geschwächt.²
  • Veränderte Botenstoffe: Bei Betroffenen wurden erhöhte Spiegel der Substanz P im Nervenwasser gemessen, eines Botenstoffs der Schmerzweiterleitung, sowie Veränderungen bei Serotonin und Noradrenalin.³
  • Veranlagung: Erstgradige Verwandte von Betroffenen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken.⁴
  • Auslöser: Körperliche Traumata, Infektionen, Operationen, anhaltender Stress und belastende Lebensereignisse gehen der Erkrankung häufig voraus.
  • Kleinfaserneuropathie: Bei einem Teil der Betroffenen finden sich Veränderungen der dünnen Nervenfasern in der Haut. Ob das Ursache oder Folge ist, wird noch untersucht.

Fibromyalgie ist keine psychische Erkrankung und keine Einbildung. Psychische Faktoren beeinflussen den Verlauf aber erheblich, wie bei allen chronischen Schmerzen.

Symptome

Neben den Schmerzen in mehreren Körperregionen, meist in Muskeln und Sehnenansätzen, gehören zum Bild:

  • anhaltende Erschöpfung, die durch Schlaf nicht besser wird
  • Schlafstörungen mit nicht erholsamem Schlaf
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Morgensteifigkeit
  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Reizdarm- und Reizblasenbeschwerden
  • Missempfindungen, Kribbeln, Kälteempfindlichkeit
  • depressive Verstimmung und Ängstlichkeit

Die Beschwerden schwanken stark, oft in Abhängigkeit von Wetter, Stress, Schlaf und körperlicher Belastung.

Diagnose

Es gibt keinen Test, der Fibromyalgie nachweist. Die Diagnose ist klinisch und stützt sich auf die Kriterien des American College of Rheumatology in der Fassung von 2016:⁵

  • Schmerzen in mindestens vier von fünf Körperregionen über mindestens drei Monate
  • ein erhöhter Wert im Widespread Pain Index und in der Symptom Severity Scale, die Schmerzausbreitung, Erschöpfung, Schlaf und kognitive Symptome erfassen
  • Die Diagnose schließt andere Erkrankungen nicht aus, sondern kann neben ihnen bestehen.

Die früher üblichen „Tender Points“, also Druckpunkte, spielen für die Diagnose keine Rolle mehr. Entscheidend ist der Ausschluss anderer Ursachen, die ähnliche Beschwerden machen: entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion, Vitamin-D-Mangel, Polymyalgia rheumatica, Muskelerkrankungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten wie Statinen. Dafür sind eine körperliche Untersuchung und Laborwerte nötig. Die Diagnose stellen Hausärzte, Rheumatologen oder Schmerzmediziner.

Behandlung: Was die Leitlinien empfehlen

Die deutsche S3-Leitlinie zum Fibromyalgiesyndrom und die Empfehlungen der europäischen Rheumaliga stimmen im Kern überein: Die Behandlung ist multimodal, und nicht-medikamentöse Verfahren stehen an erster Stelle.⁶ ⁷ Ziel ist nicht Schmerzfreiheit, sondern eine bessere Funktion und Lebensqualität.

Erste Wahl: Bewegung und Selbstmanagement

  • Aerobes Ausdauertraining wie Walking, Radfahren, Schwimmen oder Aquajogging hat die stärkste Evidenz überhaupt. Wichtig ist ein langsamer Beginn mit niedriger Intensität und eine stetige Steigerung. Zu viel auf einmal verschlechtert die Beschwerden.
  • Krafttraining mit niedrigen Gewichten und Verfahren wie Tai-Chi, Qigong oder Yoga
  • Patientenschulung: Wer versteht, was im Körper passiert, geht besser mit der Erkrankung um.
  • Kognitive Verhaltenstherapie, besonders bei gleichzeitiger Depression, Angst oder ungünstigen Krankheitsüberzeugungen
  • Entspannungsverfahren und achtsamkeitsbasierte Programme
  • Multimodale Programme, die diese Bausteine über mehrere Wochen kombinieren, bei schwerer Ausprägung

Medikamente: befristet und zurückhaltend

Medikamente wirken bei Fibromyalgie insgesamt schwach und werden von der Leitlinie nur zeitlich befristet und bei bestimmten Begleitsymptomen empfohlen:

  • Amitriptylin in niedriger Dosis, vor allem bei Schlafstörungen
  • Duloxetin, wenn zusätzlich eine Depression oder Angststörung vorliegt
  • Pregabalin, das in der EU nicht für Fibromyalgie zugelassen ist und nur bei bestimmten Begleitsymptomen off-label erwogen wird

Nicht-steroidale Antirheumatika wie Ibuprofen helfen bei Fibromyalgie kaum, weil keine Entzündung vorliegt. Starke Opioide werden von der Leitlinie ausdrücklich nicht empfohlen. Sie wirken nicht besser, machen abhängig und können die Schmerzempfindlichkeit langfristig sogar erhöhen.

Cannabinoide bei Fibromyalgie: der Stand der Forschung

Fibromyalgie gehört zu den Erkrankungen, bei denen cannabisbasierte Arzneimittel häufig nachgefragt werden. Die Studienlage ist begrenzt:

  • Eine kleine randomisierte Studie von 2008 untersuchte das synthetische Cannabinoid Nabilon bei 40 Betroffenen über vier Wochen und fand gegenüber Placebo eine Verringerung von Schmerz und eine Verbesserung der Lebensqualität.⁸ Die Studie war kurz und klein.
  • Eine Cochrane-Übersicht von 2016 fasste die beiden vorhandenen Nabilon-Studien zusammen und kam zu dem Schluss, dass die Evidenz von niedriger Qualität ist und keine überzeugenden Belege für einen Nutzen liefert, bei häufigeren Nebenwirkungen gegenüber Placebo.⁹
  • Eine experimentelle Studie von 2019 prüfte inhalierte Cannabisblüten mit unterschiedlichem THC- und CBD-Gehalt bei 20 Patientinnen. Ein THC-haltiges Präparat erhöhte die Druckschmerzschwelle, aber kein Präparat senkte den spontan empfundenen Schmerz stärker als Placebo. Ein CBD-dominantes Präparat hatte keinen messbaren Effekt.¹⁰
  • Beobachtungsstudien, etwa eine israelische Untersuchung an 367 Behandelten über sechs Monate, berichteten über Verbesserungen von Schmerz und Lebensqualität bei einem Teil der Teilnehmenden, allerdings ohne Kontrollgruppe.¹¹ Solche Daten zeigen, was Betroffene erleben, können aber Placeboeffekte und Erwartung nicht von der Wirkung trennen.

Die S3-Leitlinie gibt für cannabisbasierte Arzneimittel bei Fibromyalgie keine Empfehlung, weil aussagekräftige Studien fehlen.⁶ Das bedeutet nicht, dass eine Behandlung ausgeschlossen ist, sondern dass sie eine ärztliche Einzelfallentscheidung bleibt.

Wann cannabisbasierte Arzneimittel im Einzelfall erwogen werden

Cannabisbasierte Arzneimittel sind bei Fibromyalgie keine Erstlinientherapie. In der Praxis werden sie am ehesten erwogen, wenn die Diagnose gesichert ist, die leitliniengerechten Maßnahmen, insbesondere Bewegungstherapie und die empfohlenen Medikamente, dokumentiert versucht wurden und nicht ausreichend gewirkt haben oder nicht vertragen wurden, und wenn keine Gegenanzeigen bestehen. Im Vordergrund stehen dann meist Schmerz und Schlaf.

Eine Ärztin oder ein Arzt, die eine solche Anfrage beurteilen, werden nach Befunden fragen, aus denen die Diagnose hervorgeht, und nach den bisherigen Behandlungen mit ihrem Ergebnis. Ohne diese Unterlagen ist eine Beurteilung nicht möglich. Ein Anspruch auf eine Verordnung besteht nicht, und eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist bei Fibromyalgie wegen der schwachen Evidenz selten.

Risiken und Grenzen

Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen und Mundtrockenheit. Gerade Müdigkeit und Konzentrationsprobleme sind bei Fibromyalgie ohnehin ein Problem und können sich verstärken. Es besteht ein Abhängigkeitspotenzial, und die Fahrtüchtigkeit kann beeinträchtigt sein. Bei Psychosen in der Vorgeschichte, schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie in Schwangerschaft und Stillzeit ist eine Behandlung nicht angezeigt.

Was eine Cannabistherapie nicht ersetzt, ist die Bewegung. Alle Fachgesellschaften sind sich einig, dass regelmäßige, angepasste körperliche Aktivität der wirksamste Baustein der Behandlung ist. Ein Arzneimittel, das Schlaf oder Schmerz bessert, kann höchstens die Voraussetzung dafür schaffen, dass Bewegung wieder möglich wird.

Wann Sie ärztliche Hilfe suchen sollten

Bei anhaltenden Schmerzen in mehreren Körperregionen, die länger als drei Monate bestehen und von Erschöpfung und Schlafstörungen begleitet werden, ist eine ärztliche Abklärung angezeigt. Eine Selbstdiagnose ist nicht möglich, weil andere, behandelbare Erkrankungen ähnliche Beschwerden machen. Selbsthilfegruppen, etwa über die Deutsche Fibromyalgie-Vereinigung, bieten Austausch und Information.

---

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Es besteht kein Anspruch auf eine Verordnung.

Quellen

  1. Wolfe F et al. (2013): Fibromyalgia prevalence, somatic symptom reporting, and the dimensionality of polysymptomatic distress: a population study. Arthritis Care & Research 65(5):777–785
  2. Clauw DJ (2014): Fibromyalgia: a clinical review. JAMA 311(15):1547–1555
  3. Russell IJ et al. (1994): Elevated cerebrospinal fluid levels of substance P in patients with the fibromyalgia syndrome. Arthritis & Rheumatism 37(11):1593–1601
  4. Arnold LM et al. (2004): Family study of fibromyalgia. Arthritis & Rheumatism 50(3):944–952
  5. Wolfe F et al. (2016): 2016 Revisions to the 2010/2011 fibromyalgia diagnostic criteria. Seminars in Arthritis and Rheumatism 46(3):319–329
  6. AWMF S3-Leitlinie Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms, Deutsche Schmerzgesellschaft
  7. Macfarlane GJ et al. (2017): EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia. Annals of the Rheumatic Diseases 76(2):318–328
  8. Skrabek RQ et al. (2008): Nabilone for the treatment of pain in fibromyalgia. The Journal of Pain 9(2):164–173
  9. Walitt B et al. (2016): Cannabinoids for fibromyalgia. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD011694
  10. van de Donk T et al. (2019): An experimental randomized study on the analgesic effects of pharmaceutical-grade cannabis in chronic pain patients with fibromyalgia. PAIN 160(4):860–869
  11. Sagy I et al. (2019): Safety and Efficacy of Medical Cannabis in Fibromyalgia. Journal of Clinical Medicine 8(6):807

Häufige Fragen zu Fibromyalgie

Über die Kombination aus typischem Beschwerdebild und dem Ausschluss anderer Ursachen. Es gibt keinen einzelnen bestätigenden Labor- oder Bildbefund.

An erster Stelle nicht-medikamentöse Maßnahmen: aerobes Ausdauertraining, Verhaltenstherapie, multimodale Schmerztherapie.

Es gibt Untersuchungen mit Hinweisen auf eine Wirkung auf Schmerz und Schlafqualität, die Aussagekraft ist aber begrenzt. Ob eine Behandlung medizinisch infrage kommt, entscheidet allein der behandelnde Arzt im Einzelfall. Einen Anspruch auf eine Verordnung gibt es nicht.

Hinweis zu diesem Beitrag

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch eine Diagnose. Die genannten Arzneimittel sind verschreibungspflichtig; ob eine Therapie in Ihrem Fall medizinisch vertretbar ist, kann ausschließlich ein Arzt nach Kenntnis Ihrer Krankengeschichte beurteilen. Bitte besprechen Sie gesundheitliche Beschwerden mit einer Ärztin oder einem Arzt Ihres Vertrauens.

Cannabis auf Rezept – in Ihrer Stadt