Die kurze Antwort
Nach heutigem Forschungsstand gibt es keine Belege, dass Cannabinoide depressive Symptome verbessern: Eine Metaanalyse in The Lancet Psychiatry von 2019 fand dafür weder für THC noch für CBD oder Kombinationen Evidenz. Cannabinoide sind keine Antidepressiva und in keiner Leitlinie zur Behandlung von Depressionen empfohlen; Längsschnittstudien verbinden Cannabiskonsum eher mit einem erhöhten Depressionsrisiko, ohne dass ein ursächlicher Zusammenhang bewiesen ist. Eine allein mit einer Depression begründete Anfrage wird ärztlich in der Regel abgelehnt; Standard sind je nach Schweregrad Psychotherapie und Antidepressiva.
Depressionen: eine häufige und ernste Erkrankung
Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Nach der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland erfüllen innerhalb eines Jahres etwa 8 % der Erwachsenen die Kriterien einer unipolaren Depression, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer.¹ Über die gesamte Lebenszeit ist etwa jeder fünfte Mensch betroffen.
Eine Depression ist mehr als Traurigkeit. Zu den Kernsymptomen gehören eine anhaltend gedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse und Freude und ein verminderter Antrieb über mindestens zwei Wochen. Hinzu kommen häufig Schlafstörungen, Appetitveränderungen, Konzentrationsprobleme, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, innere Unruhe oder Verlangsamung und in schweren Fällen Suizidgedanken. Viele Betroffene klagen zunächst über körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Erschöpfung oder Magen-Darm-Probleme.
Depressionen werden nach Schweregrad in leicht, mittelgradig und schwer eingeteilt. Sie verlaufen oft in Episoden, können aber auch chronisch werden. Bei einer bipolaren Störung wechseln depressive Phasen mit manischen oder hypomanischen Phasen ab; das ist für die Behandlung ein entscheidender Unterschied.
Wie Depressionen entstehen
Depressionen haben keine einzelne Ursache. Eine erbliche Veranlagung, Veränderungen im Stoffwechsel der Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, eine überaktive Stressachse, frühe belastende Erfahrungen, aktuelle Verluste und Konflikte, chronische körperliche Erkrankungen und sozialer Rückzug wirken zusammen. Auch chronische Schmerzen, Schlafstörungen und Angststörungen erhöhen das Risiko und treten häufig gemeinsam mit Depressionen auf.
Das Endocannabinoid-System ist an der Regulation von Stimmung, Stressverarbeitung, Schlaf und Belohnung beteiligt. CB1-Rezeptoren sind im limbischen System, im Hippocampus und im präfrontalen Kortex dicht verteilt, also in Regionen, die bei Depressionen verändert arbeiten. Das ist der Grund, warum Cannabinoide als mögliche Wirkstoffe untersucht werden.
Diagnose
Die Diagnose stellen Hausärzte, Psychiater oder psychologische Psychotherapeuten anhand eines ausführlichen Gesprächs, gegebenenfalls unterstützt durch Fragebögen wie den PHQ-9. Körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenunterfunktion, Blutarmut, Vitamin-B12-Mangel oder Nebenwirkungen von Medikamenten müssen ausgeschlossen werden. Wichtig ist die Frage nach früheren manischen Phasen, nach Suizidgedanken und nach Substanzkonsum, weil sich daraus die Behandlung ableitet.
Die Standardbehandlung
Die Nationale VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“ empfiehlt je nach Schweregrad:²
- Bei leichter Depression zunächst aktiv-abwartende Begleitung, Psychoedukation, Selbsthilfe, digitale Anwendungen oder Psychotherapie. Antidepressiva sind hier nicht die erste Wahl.
- Bei mittelgradiger Depression Psychotherapie oder Antidepressiva, gleichwertig.
- Bei schwerer Depression die Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva.
Die kognitive Verhaltenstherapie und weitere Verfahren wie die interpersonelle oder psychodynamische Therapie sind gut belegt. Bei den Antidepressiva sind selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) meist die erste Wahl; sie wirken nach zwei bis vier Wochen und machen nicht abhängig. Regelmäßige körperliche Aktivität hat bei leichter bis mittelgradiger Depression einen eigenen belegten Nutzen. Bei schweren, therapieresistenten Verläufen kommen weitere Verfahren wie Lithium-Augmentation, Elektrokonvulsionstherapie, Esketamin oder eine stationäre Behandlung in Betracht.
Etwa ein Drittel der Behandelten spricht auf die erste Behandlung nicht ausreichend an. Für sie gibt es abgestufte Strategien innerhalb der Leitlinie. In diesem Zusammenhang wird auch nach Cannabinoiden gefragt.
Was die Forschung zu Cannabinoiden und Depression zeigt
Die Frage ist berechtigt, die Antwort nach heutigem Stand ernüchternd.
Keine Belege für eine antidepressive Wirkung
Die umfassendste Auswertung stammt aus dem Jahr 2019: Eine Metaanalyse in The Lancet Psychiatry wertete alle randomisierten Studien zu Cannabinoiden bei psychischen Erkrankungen aus. Für Depressionen fanden die Autoren keine Evidenz dafür, dass THC, CBD oder Kombinationen depressive Symptome verbessern. In Studien, in denen Cannabinoide aus anderen Gründen gegeben wurden, etwa bei chronischen Schmerzen, verschlechterten sich depressive Symptome unter THC-haltigen Präparaten tendenziell eher, als dass sie sich besserten.³
Eine klinisch ausgerichtete Übersicht von 2020 kam zu einem ähnlichen Schluss: Für Depressionen gibt es vereinzelte Hinweise aus kleinen Studien, die Qualität ist überwiegend gering, kontrollierte Studien fehlen weitgehend.⁴
Präklinische Hinweise für CBD
Im Tiermodell zeigt CBD antidepressiv wirkende Effekte, vermutlich über Serotoninrezeptoren und eine gesteigerte Bildung des Nervenwachstumsfaktors BDNF im präfrontalen Kortex.⁵ Diese Ergebnisse sind wissenschaftlich interessant, aber sie stammen aus Tierversuchen. Ob sie sich auf Menschen übertragen lassen, ist nicht untersucht.
Selbstmedikation ist verbreitet, aber kein Wirksamkeitsnachweis
Beobachtungsstudien zeigen, dass viele Menschen, die medizinisches Cannabis nutzen, unter depressiven Symptomen leiden und Cannabis gezielt dagegen einsetzen.⁶ Das belegt die Praxis der Selbstbehandlung, nicht ihre Wirksamkeit. Ohne Kontrollgruppe lässt sich nicht unterscheiden, ob es den Betroffenen wegen des Cannabis oder trotz des Cannabis besser oder schlechter geht.
Hinweise auf ein erhöhtes Risiko
Umgekehrt gibt es Daten, die Vorsicht gebieten. Eine Metaanalyse von Längsschnittstudien fand, dass Cannabiskonsum mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, später eine Depression zu entwickeln, bei starkem Konsum deutlicher als bei gelegentlichem.⁷ Eine Auswertung von 2019 zeigte, dass Cannabiskonsum im Jugendalter das Risiko für Depressionen und Suizidalität im jungen Erwachsenenalter erhöht.⁸ Diese Studien beziehen sich auf Freizeitkonsum, nicht auf ärztlich begleitete Therapie, und ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht bewiesen. Sie zeigen aber, dass Cannabis bei Depressionen kein harmloses Mittel ist.
Die Einordnung
Cannabinoide sind keine Antidepressiva. Sie sind in keiner Leitlinie zur Behandlung von Depressionen empfohlen. Wenn sie bei Menschen mit Depressionen überhaupt eine Rolle spielen, dann in Situationen, in denen eine andere Erkrankung im Vordergrund steht, etwa chronische Schmerzen, und die Depression Folge dieser Belastung ist.
Risiken, die Betroffene kennen sollten
| Risiko | Erklärung |
|---|---|
| Verschlechterung der Stimmung | THC kann bei höheren Dosen und regelmäßigem Gebrauch Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit und Angst verstärken. |
| Abhängigkeit | Menschen mit Depressionen haben ein erhöhtes Risiko für eine Cannabisabhängigkeit, weil die kurzfristige Erleichterung den Konsum verstärkt. |
| Psychose und Manie | Bei einer Psychose in der Vorgeschichte oder einer bipolaren Störung kann THC psychotische oder manische Episoden auslösen. |
| Wechselwirkungen | Mit Antidepressiva, Lithium, Antipsychotika und Beruhigungsmitteln sind Wechselwirkungen möglich. |
| Suizidalität | Bei akuter Suizidalität ist eine Cannabistherapie ausgeschlossen. Betroffene brauchen sofortige psychiatrische Hilfe. |
| Junges Alter | Unter 25 Jahren ist die Hirnentwicklung nicht abgeschlossen; die Risiken sind erhöht. |
Mehr dazu in den Beiträgen zu Nebenwirkungen und Risiken und zu Wechselwirkungen.
Wann cannabisbasierte Arzneimittel im Einzelfall erwogen werden
Eine Anfrage, die allein mit einer Depression begründet ist, wird von Ärztinnen und Ärzten in der Regel abgelehnt, weil die Evidenz fehlt und die Risiken erheblich sind. Anders kann es liegen, wenn eine Depression neben einer gesicherten anderen Erkrankung besteht, für die eine Cannabistherapie erwogen wird, etwa chronische Schmerzen oder Spastik, und die depressive Symptomatik behandelt und stabil ist. Dann prüft die Ärztin oder der Arzt besonders sorgfältig: Gibt es eine bipolare Störung oder Psychosen in der Vorgeschichte? Besteht Suizidalität? Welche Medikamente werden eingenommen? Ist die psychiatrische Behandlung gesichert?
Wer eine Depression hat und eine Cannabistherapie erwägt, sollte das offen mit der behandelnden Psychiaterin oder dem Psychotherapeuten besprechen. Ein Anspruch auf eine Verordnung besteht nicht.
Wann Sie Hilfe suchen sollten
Wenn gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebslosigkeit länger als zwei Wochen anhalten, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Depressionen sind gut behandelbar, und je früher die Behandlung beginnt, desto besser. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, wenden Sie sich sofort an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117, an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder in akuter Gefahr an den Notruf 112. Die Deutsche Depressionshilfe bietet unter deutsche-depressionshilfe.de Informationen und ein Info-Telefon.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Es besteht kein Anspruch auf eine Verordnung.
Quellen
- Jacobi F et al. (2014): Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Der Nervenarzt 85(1):77–87
- Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, 3. Auflage (2022), Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF
- Black N et al. (2019): Cannabinoids for the treatment of mental disorders and symptoms of mental disorders: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Psychiatry 6(12):995–1010
- Sarris J et al. (2020): Medicinal cannabis for psychiatric disorders: a clinically-focused systematic review. BMC Psychiatry 20:24
- Sales AJ et al. (2019): Cannabidiol Induces Rapid and Sustained Antidepressant-Like Effects Through Increased BDNF Signaling and Synaptogenesis in the Prefrontal Cortex. Molecular Neurobiology 56(2):1070–1081
- Turna J et al. (2019): Cannabis use behaviors and prevalence of anxiety and depressive symptoms in a cohort of Canadian medicinal cannabis users. Journal of Psychiatric Research 111:134–139
- Lev-Ran S et al. (2014): The association between cannabis use and depression: a systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. Psychological Medicine 44(4):797–810
- Gobbi G et al. (2019): Association of Cannabis Use in Adolescence and Risk of Depression, Anxiety, and Suicidality in Young Adulthood: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Psychiatry 76(4):426–434