Depressionen in Deutschland – eine Volkskrankheit
Nach Daten der DEGS1-MH-Studie des Robert Koch-Instituts erkrankt etwa jeder fünfte Erwachsene in Deutschland im Laufe seines Lebens an einer Depression.¹ Damit zählt die Depression zu den häufigsten und zugleich am schwersten zu behandelnden psychischen Erkrankungen weltweit.
Konventionelle Behandlungen – vor allem Antidepressiva (SSRI, SNRI) und Psychotherapie – helfen vielen Patienten, bleiben aber bei einem erheblichen Teil nicht ausreichend wirksam. Das hat das Interesse an alternativen und ergänzenden Therapieoptionen, darunter cannabisbasierte Arzneimittel, deutlich erhöht.
Wie könnte Cannabis wirken?
Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Stimmung, Stress und Schlaf. CB1-Rezeptoren, die besonders im limbischen System und im Hippocampus dicht verteilt sind, beeinflussen genau jene Hirnareale, die bei Depressionen verändert aktiviert sind.
Cannabidiol (CBD) wirkt nicht direkt auf CB1-Rezeptoren, moduliert aber das Serotoninsystem (5-HT1A-Rezeptoren) – ein Mechanismus, den auch klassische Antidepressiva nutzen. Präklinische Studien zeigen darüber hinaus, dass CBD über eine gesteigerte BDNF-Signalübertragung und Synaptogenese im präfrontalen Kortex antidepressive Effekte in Tiermodellen erzeugen kann.² THC aktiviert dagegen die CB1-Rezeptoren direkt und kann kurzfristig stimmungsaufhellend wirken, birgt aber bei höheren Dosen und chronischem Gebrauch das Risiko, Angstzustände oder depressive Symptome zu verstärken.³
Was sagt die Forschung?
Die Studienlage ist heterogen. Ein systematisches Review von Sarris et al. (2020) in BMC Psychiatry wertete die vorliegende Evidenz zu medizinischem Cannabis bei psychiatrischen Erkrankungen – darunter Depression – aus und kommt zu einem vorsichtigen Ergebnis: Es gibt vereinzelte Hinweise auf stimmungsaufhellende Effekte, die Studienqualität ist jedoch überwiegend gering, mit kleinen Stichproben und kurzer Beobachtungsdauer.⁴
Eine kanadische Kohortenstudie (Turna et al., 2019) an medizinischen Cannabis-Nutzern fand eine hohe Prävalenz depressiver und ängstlicher Symptome innerhalb der untersuchten Gruppe und dokumentierte, dass ein Teil der Patienten Cannabis explizit zur Linderung dieser Symptome einsetzte – ein Beleg für die Praxis der Selbstbehandlung, nicht aber für eine belegte Wirksamkeit, da die Studie weder randomisiert noch placebokontrolliert war.⁵
Wichtige Einschränkungen: Es gibt bisher kaum hochwertige randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) speziell zu Depressionen und Cannabis. Die verfügbare Evidenz ist überwiegend beobachtend oder präklinisch. Langzeitdaten zu Sicherheit und Wirksamkeit fehlen weitgehend.