Zurück zum Magazin
Medizin 9 Min. Lesezeit10. Mai 2026

Cannabis bei Depressionen: Was sagt die aktuelle Forschung?

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Welche Rolle können cannabisbasierte Arzneimittel spielen – und was sagt die Wissenschaft dazu?

Medizinisch geprüft von Dr. med. Michael Masyk

Depressionen in Deutschland – eine Volkskrankheit

Nach Daten der DEGS1-MH-Studie des Robert Koch-Instituts erkrankt etwa jeder fünfte Erwachsene in Deutschland im Laufe seines Lebens an einer Depression.¹ Damit zählt die Depression zu den häufigsten und zugleich am schwersten zu behandelnden psychischen Erkrankungen weltweit.

Konventionelle Behandlungen – vor allem Antidepressiva (SSRI, SNRI) und Psychotherapie – helfen vielen Patienten, bleiben aber bei einem erheblichen Teil nicht ausreichend wirksam. Das hat das Interesse an alternativen und ergänzenden Therapieoptionen, darunter cannabisbasierte Arzneimittel, deutlich erhöht.

Wie könnte Cannabis wirken?

Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Stimmung, Stress und Schlaf. CB1-Rezeptoren, die besonders im limbischen System und im Hippocampus dicht verteilt sind, beeinflussen genau jene Hirnareale, die bei Depressionen verändert aktiviert sind.

Cannabidiol (CBD) wirkt nicht direkt auf CB1-Rezeptoren, moduliert aber das Serotoninsystem (5-HT1A-Rezeptoren) – ein Mechanismus, den auch klassische Antidepressiva nutzen. Präklinische Studien zeigen darüber hinaus, dass CBD über eine gesteigerte BDNF-Signalübertragung und Synaptogenese im präfrontalen Kortex antidepressive Effekte in Tiermodellen erzeugen kann.² THC aktiviert dagegen die CB1-Rezeptoren direkt und kann kurzfristig stimmungsaufhellend wirken, birgt aber bei höheren Dosen und chronischem Gebrauch das Risiko, Angstzustände oder depressive Symptome zu verstärken.³

Was sagt die Forschung?

Die Studienlage ist heterogen. Ein systematisches Review von Sarris et al. (2020) in BMC Psychiatry wertete die vorliegende Evidenz zu medizinischem Cannabis bei psychiatrischen Erkrankungen – darunter Depression – aus und kommt zu einem vorsichtigen Ergebnis: Es gibt vereinzelte Hinweise auf stimmungsaufhellende Effekte, die Studienqualität ist jedoch überwiegend gering, mit kleinen Stichproben und kurzer Beobachtungsdauer.⁴

Eine kanadische Kohortenstudie (Turna et al., 2019) an medizinischen Cannabis-Nutzern fand eine hohe Prävalenz depressiver und ängstlicher Symptome innerhalb der untersuchten Gruppe und dokumentierte, dass ein Teil der Patienten Cannabis explizit zur Linderung dieser Symptome einsetzte – ein Beleg für die Praxis der Selbstbehandlung, nicht aber für eine belegte Wirksamkeit, da die Studie weder randomisiert noch placebokontrolliert war.⁵

Wichtige Einschränkungen: Es gibt bisher kaum hochwertige randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) speziell zu Depressionen und Cannabis. Die verfügbare Evidenz ist überwiegend beobachtend oder präklinisch. Langzeitdaten zu Sicherheit und Wirksamkeit fehlen weitgehend.

Bereit, es zu versuchen?

Der Fragebogen dauert nur 2–3 Minuten.

Risiken, die Patienten kennen sollten

RisikofaktorErklärung
THC-DosisHöhere THC-Dosen können Angst und Paranoia auslösen, insbesondere bei empfindlichen Personen³
Chronischer KonsumKann zur Abhängigkeit und emotionaler Abstumpfung führen
InteraktionenWechselwirkungen mit SSRI/SNRI möglich
Junge PatientenRisiko erhöhter Vulnerabilität für psychotische Episoden

Besonders bei einer Vorgeschichte psychotischer Erkrankungen oder Bipolar-I-Störung ist Vorsicht geboten. Cannabis sollte bei schweren Depressionen nicht als Ersatz für bewährte Therapien eingesetzt werden.

Für wen könnte es infrage kommen?

Cannabisbasierte Arzneimittel können nach ärztlicher Einschätzung als adjuvante Therapie bei Depressionen in Betracht gezogen werden, wenn:

  • Standardtherapien (Antidepressiva, Psychotherapie) nicht ausreichend gewirkt haben
  • Komorbiditäten wie chronische Schmerzen oder Schlafstörungen vorliegen, bei denen Cannabis ebenfalls helfen könnte
  • Keine Kontraindikationen (z. B. psychotische Störungen, Schwangerschaft) bestehen

Die Entscheidung trifft immer ein Facharzt nach individueller Anamnese und Risikoabwägung.

Fazit

Cannabis ist kein Wundermittel gegen Depressionen – aber es ist auch keine Option, die grundsätzlich ausgeschlossen werden sollte. Die aktuelle Forschung gibt Anlass zur Neugier, aber nicht zu unkritischem Optimismus. Patienten, die an einer behandlungsresistenten Depression leiden, können die Option gemeinsam mit ihrem Arzt besprechen.

Cannabis Rezept online bei Medicanova anfragen →

---

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Quellen

  1. Jacobi F et al. (2014): Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung – Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Nervenarzt 85(1):77–87
  2. Sales AJ et al. (2019): Cannabidiol Induces Rapid and Sustained Antidepressant-Like Effects Through Increased BDNF Signaling and Synaptogenesis in the Prefrontal Cortex. Mol Neurobiol 56(2):1070–1081
  3. Crippa JA et al. (2009): Cannabis and anxiety: a critical review of the evidence. Hum Psychopharmacol 24(7):515–523
  4. Sarris J et al. (2020): Medicinal cannabis for psychiatric disorders: a clinically-focused systematic review. BMC Psychiatry 20:24
  5. Turna J et al. (2019): Cannabis use behaviors and prevalence of anxiety and depressive symptoms in a cohort of Canadian medicinal cannabis users. J Psychiatr Res 111:134–139
Cannabis bei Depressionen medizinisches Cannabis psychische Erkrankungen Cannabinoide Depression Studien CBD Angst Depression Cannabis Psychiatrie Deutschland

Bereit für Ihre Behandlung?

Stellen Sie jetzt Ihre Behandlungsanfrage – diskret, schnell und 100 % digital.