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Medizin 7 Min. Lesezeit26. März 2026

Multiple Sklerose und Spastik: Behandlungsoptionen und die Rolle cannabisbasierter Arzneimittel

Spastiken sind bei Multiple-Sklerose-Patienten häufig und stark belastend. Ein cannabisbasiertes Fertigarzneimittel ist in Deutschland für diese Indikation zugelassen. Was sagt die Studienlage?

Multiple Sklerose und Spastik

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems. In Deutschland leben schätzungsweise 240.000 bis 280.000 Menschen mit MS.¹

Spastik – erhöhter Muskeltonus mit unwillkürlichen Muskelkrämpfen – gehört zu den häufigsten und belastendsten Symptomen der MS. Studien zufolge berichten 60–80 % der MS-Patienten im Krankheitsverlauf über spastische Symptome.² Diese können Schmerzen verursachen, die Mobilität einschränken und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Pathophysiologie der MS-Spastik

Spastik bei MS entsteht durch Demyelinisierung und axonale Schädigung in motorischen Bahnen des Rückenmarks. Gestörte inhibitorische Interneuron-Schaltkreise führen zu unkontrollierten, überschießenden Muskelkontraktionen.³

Konventionelle Behandlungsoptionen

Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfehlen eine Stufentherapie:⁴

Nicht-medikamentöse Maßnahmen - Physiotherapie mit spastizitätsmindernden Techniken - Ergotherapie zur Alltagsanpassung - Hilfsmittelversorgung (Orthesen, Gehhilfen)

Medikamentöse Erstlinientherapie - Baclofen (oral) – GABAerger Wirkstoff, reduziert überschießende Muskelaktivität - Tizanidin – zentral wirksames Muskelrelaxans - Gabapentin und Pregabalin – insbesondere bei schmerzhafter Spastik

Erweiterte Optionen - Baclofen-Pumpe (intrathekal) – bei schwerer, therapierefraktärer Spastik - Botulinumtoxin-Injektionen – bei fokalen Spastiken

Nabiximols (Sativex®) – das zugelassene cannabisbasierte Arzneimittel

Sativex® (Wirkstoff: Nabiximols, ein standardisierter Cannabis-Extrakt mit THC und CBD im Verhältnis 1:1) ist das einzige cannabisbasierte Arzneimittel, das in Deutschland und der EU für die Behandlung von mittelschwerer bis schwerer Spastik bei MS zugelassen ist – als Zusatztherapie, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend gewirkt haben.⁵

Zulassungsstudien

Collin et al. (2007) untersuchten in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie Nabiximols bei 189 MS-Patienten mit therapieresistenter Spastik. In der Nabiximols-Gruppe wurde eine statistisch signifikante Reduktion des Spastik-Scores (NRS) gegenüber Placebo beobachtet.⁶

Eine Folgestudie (Collin et al., 2010) bei 337 Patienten über 15 Wochen bestätigte diese Ergebnisse und zeigte, dass Responder (Patienten mit ≥30 % Verbesserung in der Einstellungsphase) von einer Fortführung der Therapie profitierten.⁷

Wichtig: Nabiximols wird als Zusatztherapie nach unzureichendem Ansprechen auf Standardtherapien eingesetzt. Es ist kein Erstlinien-Arzneimittel und muss von einem Neurologen verordnet werden.

Häufige Nebenwirkungen von Sativex®

Laut Fachinformation sind häufig berichtete Nebenwirkungen: - Schwindel und Müdigkeit - Übelkeit - Mundschleimhautreizungen (da Sativex® als Oromukosalspray angewendet wird)

Medizinisches Cannabis (Privatrezept) bei MS-Spastik

Neben Sativex® können bei MS-Spastik auch andere cannabisbasierte Arzneimittel auf Privatrezept in Betracht kommen – dies liegt im Ermessen des behandelnden Neurologen auf Basis einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung.

Fazit

Bei MS-Spastik steht mit Nabiximols (Sativex®) ein EU-zugelassenes, durch klinische Studien belegtes cannabisbasiertes Arzneimittel zur Verfügung – ausschließlich als Zusatztherapie nach Versagen der Standardbehandlung und unter neurologischer Aufsicht.

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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.

Quellen

1. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): MS in Deutschland – Epidemiologische Daten 2023 2. Rizzo MA et al. (2004): Prevalence and treatment of spasticity reported by multiple sclerosis patients. Mult Scler 10(5):589–595 3. Nielsen JF et al. (2007): Central nervous system mechanisms of spasticity. Acta Physiol 189(2):181–191 4. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, 2021 5. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Sativex – Zusammenfassung des EPAR, 2014 6. Collin C et al. (2007): Randomised controlled trial of cannabis-based medicine in spasticity caused by multiple sclerosis. Eur J Neurol 14(3):290–296 7. Collin C et al. (2010): A double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of Sativex in subjects with symptoms of spasticity due to multiple sclerosis. Neurol Res 32(5):451–459

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