Epilepsie – eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen
Epilepsien gehören weltweit zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Eine systematische Übersichtsarbeit internationaler Studien schätzt die Prävalenz aktiver Epilepsie auf rund 6–7 pro 1.000 Personen.¹ Trotz moderner Antiepileptika erreicht ein relevanter Teil der Patienten keine ausreichende Anfallskontrolle.
Standardtherapie und Therapieresistenz
Die Basistherapie besteht aus Antiepileptika (AED), die individuell nach Anfallstyp und Epilepsiesyndrom ausgewählt werden. Eine vielzitierte Untersuchung von Kwan und Brodie (2000) zeigte, dass etwa 30 % der Patienten trotz adäquater medikamentöser Therapie mit zwei oder mehr AED nicht anfallsfrei werden (sogenannte pharmakoresistente Epilepsie).² Für diese Patientengruppe werden alternative und ergänzende Therapieansätze intensiv erforscht – darunter auch Cannabidiol.
Cannabidiol (CBD): Der am besten belegte cannabinoide Ansatz
Im Unterschied zu vielen anderen in diesem Magazin besprochenen Indikationen gibt es bei Epilepsie hochwertige, placebokontrollierte Phase-III-Studien und eine reguläre EU-Zulassung:
Das Fertigarzneimittel Epidyolex® (reines, pflanzliches CBD) ist in der EU zugelassen als Zusatztherapie bei:
- Dravet-Syndrom – seit 2017 belegt durch eine randomisierte, placebokontrollierte Studie an 120 Kindern und jungen Erwachsenen, die unter CBD eine statistisch signifikant stärkere Reduktion der Anfallshäufigkeit zeigten als unter Placebo.³
- Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) – belegt durch zwei unabhängige randomisierte Studien (Devinsky et al., 2018; Thiele et al., 2018/GWPCARE4), die bei „Drop Seizures" (Sturzanfällen) eine signifikante Reduktion gegenüber Placebo zeigten.⁴,⁵
- Tuberöse Sklerose (TSC) – seit einer weiteren Zulassungsstudie 2021 als dritte Indikation ergänzt.
Damit ist CBD/Epidyolex® aktuell die am besten durch RCTs abgesicherte cannabinoide Therapieoption in diesem Magazin – allerdings ausschließlich für diese drei seltenen, schweren Epilepsiesyndrome, nicht für Epilepsie im Allgemeinen.
THC und Epilepsie: eine deutlich unklarere Datenlage
Anders als bei CBD ist die Studienlage zu THC bei Epilepsie uneinheitlich. Ein Übersichtsartikel von Rosenberg et al. (2017) in Neurotherapeutics fasst zusammen, dass präklinische Daten je nach Dosis, Epilepsiemodell und Cannabinoid-Verhältnis sowohl anfallshemmende als auch – bei bestimmten Konstellationen – anfallsfördernde (prokonvulsive) Effekte zeigen können.⁶ Aus diesem Grund werden THC-dominante Cannabisprodukte bei Epilepsiepatienten in der Praxis besonders zurückhaltend und nur unter engmaschiger neurologischer Kontrolle eingesetzt.
Wichtige Wechselwirkung: CBD und Clobazam
Ein klinisch relevanter Punkt aus den Zulassungsstudien: CBD hemmt den Abbau des häufig eingesetzten Antiepileptikums Clobazam über das Cytochrom-P450-System, wodurch dessen aktiver Metabolit (Norclobazam) im Blut ansteigen kann. Das kann verstärkte Sedierung zur Folge haben und erfordert ggf. eine Dosisanpassung von Clobazam.⁷ Diese und ähnliche Wechselwirkungen zeigen, warum eine CBD-Therapie bei Epilepsie ausschließlich unter neurologischer Begleitung mit regelmäßiger Medikamentenkontrolle erfolgen sollte.
Für wen kommt eine cannabisbasierte Therapie infrage?
- Bei Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom oder tuberöser Sklerose mit unzureichender Anfallskontrolle unter Standardtherapie kann Epidyolex® als zugelassene Zusatztherapie durch einen Neurologen verordnet werden.
- Bei anderen, häufigeren Epilepsieformen gibt es keine cannabisbasierte Zulassung – eine Anwendung wäre eine individuelle Off-Label-Entscheidung des behandelnden Neurologen, für die im Einzelfall abgewogen werden muss.
- Selbstmedikation mit frei verkäuflichen CBD-Produkten ersetzt keine ärztlich kontrollierte, dosierte Therapie – gerade bei Epilepsie können unklare Wirkstoffgehalte und fehlende Reinheitskontrollen ein relevantes Risiko darstellen.
Wichtig: Epilepsie ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung (Stichwort SUDEP – plötzlicher unerwarteter Epilepsietod). Jede Therapieänderung, auch eine ergänzende, gehört ausschließlich in neurologische Hände.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Quellen
1. Fiest KM et al. (2017): Prevalence and incidence of epilepsy: A systematic review and meta-analysis of international studies. Neurology 88(3):296–303 2. Kwan P, Brodie MJ (2000): Early identification of refractory epilepsy. N Engl J Med 342(5):314–319 3. Devinsky O et al. (2017): Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. N Engl J Med 376(21):2011–2020 4. Devinsky O et al. (2018): Effect of Cannabidiol on Drop Seizures in the Lennox-Gastaut Syndrome. N Engl J Med 378(20):1888–1897 5. Thiele EA et al. (2018): Cannabidiol in patients with seizures associated with Lennox-Gastaut syndrome (GWPCARE4). Lancet 391(10125):1085–1096 6. Rosenberg EC et al. (2017): Cannabinoids and Epilepsy. Neurotherapeutics 14(3):747–761 7. Gaston TE et al. (2017): Interactions between cannabidiol and commonly used antiepileptic drugs. Epilepsia 58(9):1586–1592