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NeuMedizin 7 Min. Lesezeit02. August 2026

Cannabis und Wechselwirkungen: Was bei der Einnahme mit anderen Medikamenten zu beachten ist

Medizinisches Cannabis kann mit Blutverdünnern, Antiepileptika, Beruhigungsmitteln und weiteren Medikamenten interagieren. Ein Überblick über die wichtigsten bekannten Wechselwirkungen – und warum die vollständige Medikamentenliste beim Arzt entscheidend ist.

Medizinisch geprüft von Dr. med. Michael Masyk

Warum Wechselwirkungen bei Cannabis ernst genommen werden sollten

Medizinisches Cannabis ist kein pharmakologisch "neutrales" Naturprodukt. THC und CBD greifen über gemeinsame Stoffwechselwege in die Verarbeitung zahlreicher anderer Medikamente ein. Wer bereits Dauermedikation einnimmt, sollte deshalb wissen, in welchen Fällen besondere Vorsicht geboten ist – und warum die vollständige Offenlegung aller eingenommenen Medikamente gegenüber dem behandelnden Arzt bei jeder Cannabistherapie unverzichtbar ist.

Der pharmakologische Hintergrund: Cytochrom-P450-Enzyme

Ein Großteil der bekannten Cannabis-Wechselwirkungen läuft über das Cytochrom-P450-Enzymsystem in der Leber, das für den Abbau sehr vieler gängiger Medikamente zuständig ist. Sowohl THC als auch – in stärkerem Maße – CBD hemmen bestimmte dieser Enzyme, insbesondere CYP3A4 und CYP2C19.⁵ Wird ein Medikament über dieselben Enzyme abgebaut, kann dessen Blutspiegel unter gleichzeitiger Cannabiseinnahme ansteigen, was die Wirkung – und mögliche Nebenwirkungen – verstärken kann.¹ Eine aktuelle Übersichtsarbeit im British Journal of Clinical Pharmacology bestätigt, dass diese enzymvermittelten Interaktionen den Hauptmechanismus klinisch relevanter Cannabis-Wechselwirkungen darstellen.¹

Blutverdünner (orale Antikoagulanzien)

Eine der am besten dokumentierten Wechselwirkungen betrifft Cumarin-Antikoagulanzien wie Phenprocoumon oder Warfarin. Ein publizierter Fallbericht (Yamreudeewong et al., 2009) beschreibt einen Patienten, bei dem der Gerinnungswert (INR) unter zusätzlichem Cannabiskonsum deutlich anstieg – vereinbar mit einer Hemmung des Warfarin-Abbaus über CYP-Enzyme.⁴ Patienten unter oraler Antikoagulation benötigen bei gleichzeitiger Cannabistherapie eine engmaschige Kontrolle der Gerinnungswerte, insbesondere zu Beginn der Behandlung.

Antiepileptika

CBD ist bekannt dafür, den Abbau des Antiepileptikums Clobazam zu hemmen, wodurch dessen aktiver Metabolit ansteigen und verstärkt sedierend wirken kann – eine Wechselwirkung, die in den Zulassungsstudien zu Epidyolex® systematisch untersucht wurde.⁵ Mehr dazu, inklusive weiterer epilepsiespezifischer Aspekte, in unserem Artikel Cannabis bei Epilepsie.

Sedierende Medikamente: Opioide, Benzodiazepine, Alkohol

THC wirkt selbst dämpfend auf das zentrale Nervensystem. In Kombination mit Opioiden, Benzodiazepinen oder Alkohol kann sich diese sedierende Wirkung addieren – mit erhöhtem Risiko für Schläfrigkeit, Konzentrationsstörungen und eine eingeschränkte Reaktionsfähigkeit.² Das ist auch für die Frage der Fahreignung unter Cannabis relevant.

Immunsuppressiva, Statine und weitere CYP3A4-Substrate

Auch zahlreiche Immunsuppressiva (z. B. Tacrolimus, Ciclosporin), Statine und einige Herz-Kreislauf-Medikamente werden über CYP3A4 verstoffwechselt und können daher potenziell mit Cannabinoiden interagieren.² Eine 2021 im Journal of General Internal Medicine veröffentlichte umfassende Übersichtsarbeit zu CBD-Wechselwirkungen empfiehlt bei diesen Substanzklassen eine besonders sorgfältige ärztliche Abwägung und gegebenenfalls engmaschigere Kontrollen der Medikamentenspiegel.³

Psychopharmaka

Bei gleichzeitiger Einnahme von Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka ist grundsätzlich Vorsicht geboten, auch wenn die Evidenzlage hier insgesamt dünner ist als bei den oben genannten Substanzklassen. Die Datenlage zu spezifischen Interaktionen ist begrenzt; eine individuelle ärztliche Einschätzung ist auch hier notwendig – insbesondere bei bestehender Behandlung von Depressionen oder Angststörungen.

Was bedeutet das konkret für Patienten?

  • Geben Sie bei einer Cannabis-Behandlungsanfrage immer alle aktuell eingenommenen Medikamente vollständig an – auch freiverkäufliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel.
  • Informieren Sie auch Ihren Hausarzt und Apotheker über eine laufende Cannabistherapie, damit Wechselwirkungen bei künftigen Verordnungen berücksichtigt werden können.
  • Setzen Sie eine bestehende Dauermedikation niemals eigenständig ab oder verändern Sie deren Dosis, ohne dies mit dem behandelnden Arzt abzustimmen.

Weitere allgemeine Risiken und Nebenwirkungen einer Cannabistherapie erklärt unser Artikel Nebenwirkungen und Risiken von medizinischem Cannabis.

Fazit

Cannabis ist pharmakologisch aktiv genug, um mit einer Reihe gängiger Medikamente zu interagieren – vor allem über das Cytochrom-P450-System. Die meisten dieser Wechselwirkungen sind gut beherrschbar, wenn sie bekannt sind und ärztlich berücksichtigt werden. Die zentrale Voraussetzung dafür ist Transparenz: eine vollständige, ehrliche Medikamentenangabe im ärztlichen Fragebogen ist die Grundlage jeder sicheren Cannabistherapie.

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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit aller möglichen Wechselwirkungen.

Quellen

1. Lucas CJ, Galettis P, Schneider J (2018): The pharmacokinetics and the pharmacodynamics of cannabinoids. Br J Clin Pharmacol 84(11):2477–2482 2. Alsherbiny MA, Li CG (2019): Medicinal Cannabis—Potential Drug Interactions. Medicines 6(1):3 3. Balachandran P, Elsohly M, Hill KP (2021): Cannabidiol Interactions with Medications, Illicit Substances, and Alcohol: A Comprehensive Review. J Gen Intern Med 36(7):2074–2084 4. Yamreudeewong W et al. (2009): Probable Interaction between Warfarin and Marijuana Smoking. Ann Pharmacother 43(7):1347–1353 5. Gaston TE et al. (2017): Interactions between cannabidiol and commonly used antiepileptic drugs. Epilepsia 58(9):1586–1592

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