Warum Wechselwirkungen bei Cannabis ernst genommen werden sollten
Medizinisches Cannabis ist kein pharmakologisch "neutrales" Naturprodukt. THC und CBD greifen über gemeinsame Stoffwechselwege in die Verarbeitung zahlreicher anderer Medikamente ein. Wer bereits Dauermedikation einnimmt, sollte deshalb wissen, in welchen Fällen besondere Vorsicht geboten ist – und warum die vollständige Offenlegung aller eingenommenen Medikamente gegenüber dem behandelnden Arzt bei jeder Cannabistherapie unverzichtbar ist.
Der pharmakologische Hintergrund: Cytochrom-P450-Enzyme
Ein Großteil der bekannten Cannabis-Wechselwirkungen läuft über das Cytochrom-P450-Enzymsystem in der Leber, das für den Abbau sehr vieler gängiger Medikamente zuständig ist. Sowohl THC als auch – in stärkerem Maße – CBD hemmen bestimmte dieser Enzyme, insbesondere CYP3A4 und CYP2C19.⁵ Wird ein Medikament über dieselben Enzyme abgebaut, kann dessen Blutspiegel unter gleichzeitiger Cannabiseinnahme ansteigen, was die Wirkung – und mögliche Nebenwirkungen – verstärken kann.¹ Eine aktuelle Übersichtsarbeit im British Journal of Clinical Pharmacology bestätigt, dass diese enzymvermittelten Interaktionen den Hauptmechanismus klinisch relevanter Cannabis-Wechselwirkungen darstellen.¹
Blutverdünner (orale Antikoagulanzien)
Eine der am besten dokumentierten Wechselwirkungen betrifft Cumarin-Antikoagulanzien wie Phenprocoumon oder Warfarin. Ein publizierter Fallbericht (Yamreudeewong et al., 2009) beschreibt einen Patienten, bei dem der Gerinnungswert (INR) unter zusätzlichem Cannabiskonsum deutlich anstieg – vereinbar mit einer Hemmung des Warfarin-Abbaus über CYP-Enzyme.⁴ Patienten unter oraler Antikoagulation benötigen bei gleichzeitiger Cannabistherapie eine engmaschige Kontrolle der Gerinnungswerte, insbesondere zu Beginn der Behandlung.
Antiepileptika
CBD ist bekannt dafür, den Abbau des Antiepileptikums Clobazam zu hemmen, wodurch dessen aktiver Metabolit ansteigen und verstärkt sedierend wirken kann – eine Wechselwirkung, die in den Zulassungsstudien zu Epidyolex® systematisch untersucht wurde.⁵ Mehr dazu, inklusive weiterer epilepsiespezifischer Aspekte, in unserem Artikel Cannabis bei Epilepsie.
Sedierende Medikamente: Opioide, Benzodiazepine, Alkohol
THC wirkt selbst dämpfend auf das zentrale Nervensystem. In Kombination mit Opioiden, Benzodiazepinen oder Alkohol kann sich diese sedierende Wirkung addieren – mit erhöhtem Risiko für Schläfrigkeit, Konzentrationsstörungen und eine eingeschränkte Reaktionsfähigkeit.² Das ist auch für die Frage der Fahreignung unter Cannabis relevant.