Die kurze Antwort
Für medizinisches Cannabis gibt es keine Standarddosis: Die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt legt sie fest, und sie wird nach dem Prinzip „start low, go slow“ schrittweise bis zur niedrigsten wirksamen Dosis gefunden. Mit einem Verdampfer inhalierte Blüten wirken nach wenigen Minuten für zwei bis vier Stunden, eingenommene Extrakte nach 30 bis 90 Minuten für sechs bis acht Stunden. Nachdosiert wird erst, wenn die volle Wirkung eingetreten ist, und in der Einstellungsphase von meist ein bis drei Wochen sollte nicht Auto gefahren werden.
Warum Dosierung bei Cannabis besonders ist
Bei den meisten Arzneimitteln steht die Dosis auf der Packung. Bei medizinischem Cannabis gibt es keine Standarddosis. Die wirksame Menge unterscheidet sich zwischen Menschen um ein Vielfaches, sie hängt von der Darreichungsform, vom Wirkstoffgehalt des Präparats, von der Vorerfahrung und von der Erkrankung ab. Deshalb wird die Dosis bei jeder Person einzeln gefunden, schrittweise und unter ärztlicher Begleitung. Dieser Beitrag erklärt die Darreichungsformen, die Grundsätze der Dosisfindung und die praktischen Fragen, die Betroffene am häufigsten stellen.
Die konkrete Dosierung legt immer die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt fest. Die Angaben hier dienen dem Verständnis, nicht der Selbstdosierung.
Die Darreichungsformen
Blüten zur Inhalation mit einem Verdampfer
Getrocknete Cannabisblüten sind die in Deutschland am häufigsten verordnete Form. Sie werden nicht geraucht, sondern in einem medizinischen Verdampfer auf 180 bis 210 Grad erhitzt. Dabei gehen die Wirkstoffe in Dampf über, ohne dass die Pflanze verbrennt. Das vermeidet die Schadstoffe des Rauchens weitgehend.¹ Die Blüten werden zerkleinert, abgewogen und in die Kammer des Geräts gefüllt; die Menge wird mit einer Feinwaage bestimmt, nicht geschätzt.
Wirkungseintritt nach wenigen Minuten, Wirkdauer zwei bis vier Stunden. Der schnelle Eintritt erlaubt eine gute Steuerung: Man inhaliert einen Zug, wartet einige Minuten und entscheidet dann, ob ein weiterer nötig ist. Nachteile sind die Reizung der Atemwege, der Aufwand und die Tatsache, dass die Wirkung schnell wieder nachlässt, was bei Dauerbeschwerden mehrere Anwendungen am Tag erfordert. Bei Lungenerkrankungen ist die Inhalation oft nicht geeignet. Mehr zur Wirkstoffzusammensetzung im Beitrag zu THC und CBD.
Extrakte und Öle zum Einnehmen
Cannabisextrakte werden in der Apotheke standardisiert hergestellt oder als geprüfte Fertigprodukte abgegeben. Sie enthalten definierte Mengen THC und CBD je Milliliter und werden mit einer Dosierpipette oder Spritze abgemessen und unter die Zunge oder auf die Mundschleimhaut gegeben, wo ein Teil direkt aufgenommen wird, oder geschluckt.
Wirkungseintritt nach 30 bis 90 Minuten, bei geschluckter Einnahme bis zu zwei Stunden, Wirkdauer sechs bis acht Stunden. Extrakte eignen sich für Dauerbeschwerden, für die Nacht und für Menschen, die nicht inhalieren können oder wollen. Die Dosierung ist sehr genau, aber die Steuerung schwieriger: Wer nachdosiert, bevor die erste Dosis wirkt, überdosiert leicht. Bei geschluckter Einnahme wandelt die Leber einen Teil des THC in ein Stoffwechselprodukt um, das stärker und länger wirkt; dieselbe Milligrammmenge kann eingenommen deutlich anders wirken als inhaliert.
Fertigarzneimittel
Nabiximols, ein Mundspray mit THC und CBD, ist für die Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen; jeder Sprühstoß enthält eine feste Wirkstoffmenge. Nabilon ist als Kapsel gegen Übelkeit unter Chemotherapie zugelassen. Dronabinol, synthetisches THC, wird in der Apotheke als ölige Lösung oder in Kapseln hergestellt. Diese Formen bieten die genaueste Dosierung.
Was nicht geeignet ist
Rauchen, ob pur oder mit Tabak, ist keine medizinische Anwendung: Es erzeugt Schadstoffe, zerstört einen Teil der Wirkstoffe und lässt sich nicht dosieren. Selbst hergestellte Gebäcke oder Öle haben einen unbekannten Wirkstoffgehalt und sind wegen der verzögerten und verlängerten Wirkung eine häufige Ursache von Überdosierungen.
Das Prinzip: start low, go slow
Für die Dosisfindung gilt in der Fachliteratur der Grundsatz „start low, go slow“: niedrig beginnen, langsam steigern.² Konkret bedeutet das:
- Beginn mit einer sehr niedrigen Dosis. Bei Extrakten sind das oft 1 bis 2,5 mg THC, bei Blüten ein einzelner Zug einer kleinen Menge.
- Abwarten, bis die volle Wirkung eingetreten ist, bevor nachdosiert wird: bei Inhalation 10 bis 15 Minuten, bei Extrakten mindestens zwei Stunden.
- Steigerung in kleinen Schritten über Tage, nicht über Stunden, und nur, wenn die bisherige Dosis gut vertragen wurde.
- Die niedrigste wirksame Dosis ist das Ziel, nicht die höchste verträgliche. Mehr wirkt nicht besser, sondern verursacht mehr Nebenwirkungen und beschleunigt die Toleranzentwicklung.
- Ein Tagebuch über Dosis, Zeitpunkt, Wirkung und Nebenwirkungen macht die Einstellung nachvollziehbar und ist die Grundlage für das nächste ärztliche Gespräch.
Wer Cannabis nicht gewohnt ist, reagiert deutlich stärker als jemand mit Vorerfahrung. Die Einstellungsphase dauert in der Regel ein bis drei Wochen. In dieser Zeit sollte nicht Auto gefahren werden.
Wie viel ist eine übliche Dosis?
Die verordneten Mengen sind sehr unterschiedlich. Als grobe Orientierung, die keine Verordnung ersetzt: Bei Blüten liegen Tagesmengen häufig zwischen 0,25 und 1 Gramm, verteilt auf mehrere Inhalationen; bei THC-haltigen Extrakten zwischen 5 und 30 mg THC am Tag, auf zwei bis drei Einnahmen verteilt. Einzelne Betroffene brauchen deutlich weniger, andere mehr. Ein Präparat mit 20 % THC enthält in 0,1 Gramm etwa 20 mg THC, von denen beim Verdampfen ein Teil aufgenommen wird. Welche Monatsmengen daraus folgen und welche Obergrenzen gelten, erklärt der Beitrag Wie viel Gramm Cannabis darf ein Arzt verschreiben?
Der THC-Gehalt eines Präparats ist kein Qualitätsmerkmal. Für die Dosisfindung sind Präparate mit mittlerem THC-Gehalt und einem Anteil CBD oft besser geeignet, weil sie sich feiner dosieren lassen und CBD einige Nebenwirkungen von THC abmildert.
Zeitpunkt und Alltag
- Erste Anwendungen zu Hause, an einem Tag ohne Termine, nicht allein, wenn möglich.
- Kein Autofahren unter Wirkung und in der Einstellungsphase. Was rechtlich gilt, erklärt der Beitrag zu Cannabis und Autofahren.
- Abends wirkt THC schlafanstoßend, was bei Schlafproblemen gewollt sein kann. Tagsüber sind niedrigere Dosen oder CBD-betonte Präparate sinnvoller.
- Kein Alkohol zur Cannabisanwendung; er verstärkt die Wirkung und die Beeinträchtigung.
- Auf leeren oder vollen Magen: Bei Extrakten verändert eine fettreiche Mahlzeit die Aufnahme. Ein gleichbleibender Einnahmezeitpunkt macht die Wirkung vorhersehbarer.
- Vergessene Dosis: nicht doppelt nachnehmen, sondern mit der nächsten regulären Dosis fortfahren.
Wenn zu viel eingenommen wurde
Eine Überdosierung mit Cannabis ist unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich. Typisch sind starkes Herzrasen, Angst, Panik, Schwindel, Übelkeit, Verwirrtheit und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die Wirkung klingt bei Inhalation nach ein bis zwei Stunden ab, bei Extrakten kann sie mehrere Stunden anhalten. Hilfreich sind ein ruhiger Ort, Wasser, eine vertraute Person und die Gewissheit, dass es vorbeigeht. Bei Brustschmerzen, Ohnmacht, anhaltendem Erbrechen oder wenn Kinder betroffen sind, ist ärztliche Hilfe nötig. Überdosierungen sind der häufigste Grund, warum Betroffene eine Therapie abbrechen, und sie sind fast immer die Folge zu schneller Steigerung oder unbekannter Wirkstoffgehalte.
Toleranz, Pausen und Absetzen
Bei regelmäßiger Anwendung gewöhnt sich der Körper an THC; die gleiche Dosis wirkt schwächer. Die Antwort darauf sollte nicht die stetige Steigerung sein. Wer mehr braucht, um dieselbe Wirkung zu erreichen, sollte das ärztlich besprechen; manchmal hilft eine Pause von einigen Tagen, um die Empfindlichkeit wiederherzustellen. Beim Beenden einer Therapie wird die Dosis schrittweise reduziert, um Entzugssymptome wie Schlafstörungen, Reizbarkeit und Unruhe zu vermeiden. Mehr dazu im Beitrag zu Nebenwirkungen und Risiken.
Wechselwirkungen und Begleitmedikation
Cannabinoide beeinflussen den Abbau anderer Medikamente und verstärken die Wirkung dämpfender Mittel. Die vollständige Medikamentenliste gehört in jede ärztliche Beurteilung, und jede Änderung der Begleitmedikation kann eine Anpassung der Cannabisdosis erfordern. Einzelheiten im Beitrag zu Wechselwirkungen.
Lagerung und Haltbarkeit
Cannabisblüten werden kühl, trocken, dunkel und luftdicht aufbewahrt, am besten in der Apothekenverpackung. Wärme, Licht und Luft bauen THC ab und lassen Blüten austrocknen oder schimmeln. Extrakte gehören lichtgeschützt und je nach Angabe der Apotheke in den Kühlschrank. Alle Präparate müssen für Kinder und Dritte unzugänglich sein. Das Verfallsdatum steht auf dem Etikett; danach ist der Wirkstoffgehalt nicht mehr gewährleistet.
Anpassung der Therapie
Wenn die Wirkung nicht ausreicht, Nebenwirkungen auftreten oder sich die Beschwerden verändern, ist das ein Grund für ein ärztliches Gespräch, nicht für eine eigenmächtige Änderung. Oft lässt sich durch einen Wechsel der Darreichungsform, des Präparats oder des Einnahmezeitpunkts mehr erreichen als durch eine höhere Dosis. Und wenn eine Therapie nach angemessener Zeit nicht wirkt, ist das Beenden die richtige Entscheidung.
Fazit
Die Dosierung von medizinischem Cannabis ist individuell und wird schrittweise gefunden: niedrig beginnen, langsam steigern, die niedrigste wirksame Dosis halten. Blüten wirken schnell und kurz, Extrakte langsam und lang. Ein Dosierungstagebuch, Geduld in der Einstellungsphase und offene Kommunikation mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt sind die Grundlage einer sicheren Anwendung.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die Dosierung legt allein die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt fest.
Quellen
- Earleywine M, Barnwell SS (2007): Decreased respiratory symptoms in cannabis users who vaporize. Harm Reduction Journal 4:11
- MacCallum CA, Russo EB (2018): Practical considerations in medical cannabis administration and dosing. European Journal of Internal Medicine 49:12–19