Medizinisches Cannabis: Kein nebenwirkungsfreies Arzneimittel
Medizinisches Cannabis unterliegt als Arzneimittel denselben pharmakologischen Gesetzmäßigkeiten wie andere Wirkstoffe: Jede therapeutische Wirkung kann von unerwünschten Wirkungen begleitet werden. Eine umfassende Aufklärung über das Nebenwirkungsprofil ist Teil jeder seriösen ärztlichen Beratung.
Die folgende Übersicht basiert primär auf der systematischen Übersichtsarbeit von Whiting et al. (2015), die im Auftrag der American Medical Association 79 randomisierte kontrollierte Studien zu cannabisbasierten Arzneimitteln auswertete und im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht wurde.¹
Häufige Kurzzeitnebenwirkungen
Cannabinoide – insbesondere THC – können folgende Nebenwirkungen hervorrufen, die in der Mehrzahl der klinischen Studien berichtet wurden:
Zentralnervöse Wirkungen - Schwindel und Benommenheit – häufigste berichtete Nebenwirkung in klinischen Studien¹ - Kognitive Beeinträchtigungen – Konzentration, Gedächtnis und Reaktionszeit können vorübergehend beeinträchtigt sein² - Sedierung und Müdigkeit - Psychomotorische Verlangsamung - Dysphorie oder Angst – insbesondere bei höheren Dosen oder empfindlichen Personen (dosisabhängig)³
Kardiovaskuläre Wirkungen - Tachykardie (erhöhte Herzfrequenz) – vor allem zu Beginn der Therapie - Orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen)
Gastrointestinale Wirkungen - Übelkeit und Mundtrockenheit - Bei inhalativer Anwendung: Reizhusten, Schleimhautreizung
CBD-spezifische Nebenwirkungen
Cannabidiol (CBD) zeigt ein günstigeres Verträglichkeitsprofil als THC, ist jedoch nicht nebenwirkungsfrei. In klinischen Studien zum zugelassenen CBD-Arzneimittel Epidyolex® wurden berichtet:⁴ - Müdigkeit und Sedierung - Durchfall und Appetitveränderungen - Erhöhte Leberwerte (bei höheren Dosen, insbesondere in Kombination mit Valproat)
Langzeitrisiken
Die Evidenzlage zu Langzeitrisiken ist überwiegend aus Studien zu nicht-medizinischem Cannabiskonsum abgeleitet. Für medizinischen Konsum unter ärztlicher Aufsicht fehlen noch ausreichende Langzeitdaten.
Abhängigkeitspotenzial Schätzungsweise 9 % der Personen, die Cannabis konsumieren, entwickeln eine Abhängigkeitserkrankung – der Anteil steigt bei täglichem Gebrauch auf ca. 17 %.⁵ Bei medizinischer Anwendung unter ärztlicher Begleitung wird das Risiko durch Dosisanpassung und Verlaufskontrolle begrenzt.
Wirkungen auf das Gehirn THC-Exposition während der Gehirnentwicklung (bis ca. 25 Jahre) ist mit strukturellen und funktionellen Veränderungen assoziiert.⁶ Für Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren ist das Risiko-Nutzen-Verhältnis besonders sorgfältig zu prüfen.
Respiratorische Risiken (nur inhalative Anwendung) Regelmäßiges Inhalieren von Cannabis-Rauch ist mit chronischer Bronchitis assoziiert. Durch die Verwendung von Vaporizern (Verdampfern) kann dieses Risiko reduziert werden.⁷
Kontraindikationen
Medizinisches Cannabis ist bei bestimmten Patientengruppen kontraindiziert oder mit besonderer Vorsicht anzuwenden:
| Kontraindikation | Grund |
|---|---|
| Psychoseerkrankungen (aktuell oder anamnestisch) | THC kann psychotische Episoden auslösen oder verstärken |
| Schwere kardiovaskuläre Erkrankungen | Tachykardie- und Hypotonierisiko |
| Schwangerschaft und Stillzeit | Mögliche Auswirkungen auf die fetale Entwicklung |
| Schwere Lebererkrankungen | Metabolisierung beeinträchtigt |
| Alter unter 18–25 Jahren | Risiken für die Gehirnentwicklung |
| Gleichzeitige Einnahme sedierender Medikamente | Verstärkung der sedierenden Wirkung |
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Cannabinoide werden überwiegend über CYP450-Enzyme (CYP3A4, CYP2C9) metabolisiert und können die Wirkung zahlreicher Medikamente beeinflussen, darunter: - Antikoagulanzien (z. B. Warfarin) - Antiepileptika - Immunsuppressiva - Sedativa und Schlafmittel
Eine vollständige Medikamentenanamnese durch den verordnenden Arzt ist daher unerlässlich.
Fazit
Das Nebenwirkungsprofil von medizinischem Cannabis ist bekannt und gut dokumentiert. Eine ärztliche Beurteilung des individuellen Risiko-Nutzen-Verhältnisses ist Voraussetzung jeder Behandlung.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Quellen
1. Whiting PF et al. (2015): Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 313(24):2456–2473 2. Ranganathan M, D'Souza DC (2006): The acute effects of cannabinoids on memory in humans. Psychopharmacology 188(4):425–444 3. Crippa JA et al. (2009): Cannabis and anxiety: a critical review of the evidence. Hum Psychopharmacol 24(7):515–523 4. Devinsky O et al. (2017): Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. N Engl J Med 376(21):2011–2020 5. Anthony JC et al. (1994): Comparative epidemiology of dependence on tobacco, alcohol, controlled substances. Exp Clin Psychopharmacol 2(3):244–268 6. Gruber SA et al. (2012): Worth the wait: effects of age of onset of marijuana use on white matter and impulsivity. Psychopharmacology 224(2):431–441 7. Earleywine M, Barnwell SS (2007): Decreased respiratory symptoms in cannabis users who vaporize. Harm Reduct J 4:11