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Medizin 12 Min. Lesezeit02. April 2026

Nebenwirkungen und Risiken von medizinischem Cannabis: Was Patienten wissen sollten

Medizinisches Cannabis ist kein nebenwirkungsfreies Mittel. Dieser Artikel erklärt das bekannte Nebenwirkungsprofil, Kontraindikationen und Risikogruppen – auf Basis systematischer Übersichtsarbeiten.

Medizinisch geprüft von Dr. med. Michael Masyk

Die kurze Antwort

Medizinisches Cannabis hat Nebenwirkungen: In einer Metaanalyse von 79 randomisierten Studien traten sie unter Cannabinoiden etwa dreimal so häufig auf wie unter Placebo, meist leicht bis mäßig und vorübergehend. Am häufigsten sind Schwindel, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Herzrasen und Mundtrockenheit, überwiegend durch THC. Zu den Langzeitrisiken zählen Abhängigkeit, die etwa 9 % aller Konsumierenden entwickeln, und ein erhöhtes Psychoserisiko; eine Psychose in der eigenen oder familiären Vorgeschichte, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Schwangerschaft und Stillzeit gelten als Gegenanzeigen.

Medizinisches Cannabis ist ein Arzneimittel mit Nebenwirkungen

Medizinisches Cannabis wird manchmal als sanfte, natürliche Alternative zu „chemischen“ Medikamenten dargestellt. Das ist irreführend. Cannabisblüten, Extrakte und die daraus gewonnenen Wirkstoffe sind verschreibungspflichtige Arzneimittel, die im Körper dieselben Regeln befolgen wie alle anderen: Jede erwünschte Wirkung kann von unerwünschten begleitet werden, und die Dosis entscheidet über beides.

Die folgende Übersicht stützt sich vor allem auf systematische Auswertungen kontrollierter Studien. Die wichtigste ist die Metaanalyse von Whiting und Kollegen aus dem Jahr 2015, die 79 randomisierte Studien zu cannabisbasierten Arzneimitteln auswertete.¹ Ergebnis: Unter Cannabinoiden traten Nebenwirkungen etwa dreimal so häufig auf wie unter Placebo. Die meisten waren leicht bis mäßig und gingen vorüber. Schwere Nebenwirkungen waren selten, aber ebenfalls häufiger als unter Placebo.

Häufige akute Nebenwirkungen

Die meisten Nebenwirkungen gehen auf THC zurück, treten vor allem zu Beginn der Behandlung und bei Dosissteigerungen auf und lassen mit der Zeit oft nach, weil sich der Körper anpasst.

Nervensystem und Psyche

  • Schwindel und Benommenheit: die häufigste Nebenwirkung in klinischen Studien überhaupt¹
  • Müdigkeit und Schläfrigkeit, bis hin zu deutlicher Sedierung
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen: THC beeinträchtigt vor allem das Kurzzeitgedächtnis und die Aufmerksamkeit, solange es wirkt.² Bei Blüten hält die Wirkung zwei bis vier Stunden, bei eingenommenen Extrakten sechs bis acht Stunden an.
  • Verlangsamte Reaktion und gestörte Koordination, relevant für Autofahren, Maschinen und Sturzgefahr
  • Euphorie oder Dysphorie: das „High“ ist bei medizinischer Anwendung eine Nebenwirkung, keine erwünschte Wirkung
  • Angst, Unruhe, Panik: dosisabhängig und bei Ungeübten häufiger³
  • Verwirrtheit, Desorientierung, in seltenen Fällen Halluzinationen, vor allem bei zu hoher Dosis

Herz und Kreislauf

  • Herzrasen: THC erhöht die Herzfrequenz, besonders in der ersten Stunde nach der Anwendung. Bei Herzgesunden ist das unangenehm, bei Vorerkrankungen kann es gefährlich sein.
  • Blutdruckabfall beim Aufstehen mit Schwindel und Ohnmachtsneigung
  • In seltenen Fällen wurden Herzinfarkte und Herzrhythmusstörungen im zeitlichen Zusammenhang mit Cannabiskonsum beschrieben; eine Studie fand ein deutlich erhöhtes Infarktrisiko in der Stunde nach dem Rauchen.⁴

Verdauung und Sonstiges

  • Mundtrockenheit und gerötete Augen
  • Übelkeit, obwohl THC in anderer Dosis gegen Übelkeit wirkt
  • Appetitsteigerung mit möglicher Gewichtszunahme
  • Bei Inhalation: Reizhusten und Reizung der Atemwege

Nebenwirkungen von CBD

Cannabidiol ist nicht berauschend und wird oft als nebenwirkungsfrei beschrieben. Das stimmt nicht. Aus den Zulassungsstudien des CBD-Arzneimittels bei Epilepsie sind bekannt:⁵

  • Müdigkeit und Schläfrigkeit
  • Durchfall, Appetitverlust, Gewichtsabnahme
  • Erhöhte Leberwerte, dosisabhängig und besonders in Kombination mit Valproat
  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten über die Leberenzyme, siehe unten

Diese Daten stammen aus Studien mit hohen Dosen. Frei verkäufliche CBD-Produkte enthalten meist deutlich weniger, ihre Zusammensetzung ist aber oft nicht verlässlich. Die Unterschiede erklärt der Beitrag zu THC und CBD.

Risiken bei längerer Anwendung

Die Daten zu Langzeitrisiken stammen überwiegend aus Studien zu nicht-medizinischem Konsum, meist geraucht und oft in hohen Dosen. Für die ärztlich begleitete Anwendung liegen weniger Langzeitdaten vor. Übertragbar sind die Risiken trotzdem, weil der Wirkstoff derselbe ist.

Abhängigkeit und Entzug

Etwa 9 % aller Menschen, die Cannabis konsumieren, entwickeln eine Abhängigkeit; bei täglichem Gebrauch sind es rund 17 %, bei Beginn im Jugendalter noch mehr.⁶ Eine Cannabisabhängigkeit äußert sich durch Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, Fortsetzen trotz Schäden und Entzugssymptome beim Absetzen: Reizbarkeit, Schlafstörungen, Unruhe, Appetitverlust und Schwitzen über ein bis zwei Wochen. Bei medizinischer Anwendung wird das Risiko durch niedrige Dosierung, ärztliche Kontrolle und klare Behandlungsziele begrenzt, aber nicht aufgehoben. Wer eine Cannabistherapie beendet, sollte die Dosis schrittweise reduzieren.

Psychose

Der Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen ist gut belegt. Eine Metaanalyse von 2016 fand bei starkem Konsum ein etwa vierfach erhöhtes Risiko für psychotische Erkrankungen.⁷ Eine große europäische Studie von 2019 zeigte, dass täglicher Konsum hochpotenter Sorten das Risiko für eine erstmalige Psychose deutlich erhöht.⁸ Das Risiko ist bei familiärer Vorbelastung, bei Beginn im Jugendalter und bei hohem THC-Gehalt am größten. Eine Psychose in der eigenen oder familiären Vorgeschichte ist deshalb eine Gegenanzeige.

Gehirnentwicklung

THC beeinflusst die Reifung des Gehirns, die bis etwa zum 25. Lebensjahr andauert. Bei frühem und regelmäßigem Konsum wurden Veränderungen der Hirnstruktur und der Impulskontrolle beobachtet.⁹ Bei Menschen unter 25 Jahren ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis deshalb besonders sorgfältig zu prüfen; Minderjährige werden telemedizinisch nicht behandelt.

Atemwege

Regelmäßiges Rauchen von Cannabis, erst recht gemischt mit Tabak, führt zu chronischer Bronchitis mit Husten und Auswurf.¹⁰ Medizinisches Cannabis wird deshalb nicht geraucht, sondern mit einem Verdampfer inhaliert, der die Blüten erhitzt, ohne sie zu verbrennen. Das verringert die Schadstoffbelastung erheblich, macht die Inhalation aber nicht risikofrei.

Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom

Bei langjährigem, hoch dosiertem Gebrauch kann ein Syndrom mit wiederkehrenden Attacken heftiger Übelkeit und Erbrechens auftreten, das paradoxerweise durch Cannabis selbst verursacht wird.¹¹ Typisch ist, dass heißes Duschen vorübergehend hilft. Es wird häufig fehlgedeutet. Die Behandlung besteht im Absetzen.

Kognitive Folgen

Ob regelmäßiger Konsum über Jahre bleibende Einbußen von Gedächtnis und Aufmerksamkeit verursacht, ist umstritten. Für Erwachsene sind die Effekte nach dem Absetzen überwiegend rückläufig; bei Beginn im Jugendalter ist das weniger sicher.

Gegenanzeigen: Wer medizinisches Cannabis nicht anwenden sollte

SituationGrund
Psychose oder Schizophrenie, aktuell oder in der Vorgeschichte, auch bei nahen VerwandtenTHC kann psychotische Episoden auslösen oder verstärken
Bipolare StörungRisiko manischer Episoden
Schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kürzlicher Herzinfarkt, schwere HerzrhythmusstörungenHerzrasen und Blutdruckschwankungen
Schwangerschaft und StillzeitTHC gelangt zum Kind; Hinweise auf Entwicklungsstörungen
Schwere Lebererkrankungengestörter Abbau der Wirkstoffe
Abhängigkeitserkrankungen, aktuell oder in der Vorgeschichteerhöhtes Risiko einer Cannabisabhängigkeit
Alter unter 18 Jahren, mit Einschränkungen unter 25Gehirnentwicklung
Berufe mit Sicherheitsverantwortung ohne Möglichkeit der AnpassungBeeinträchtigung von Reaktion und Aufmerksamkeit

Bei Angststörungen, Depressionen, Epilepsie und im höheren Lebensalter mit erhöhter Sturzgefahr ist eine besonders sorgfältige Abwägung erforderlich.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

THC und CBD werden in der Leber über Enzyme des Cytochrom-P450-Systems abgebaut und beeinflussen den Abbau anderer Medikamente. Wichtig sind vor allem:

  • Blutverdünner wie Warfarin und Phenprocoumon: Cannabinoide können die Wirkung verstärken und das Blutungsrisiko erhöhen.
  • Beruhigungs- und Schlafmittel, Opioide, Alkohol: gegenseitige Verstärkung der Sedierung und Atemdämpfung
  • Antiepileptika, insbesondere Clobazam und Valproat
  • Immunsuppressiva wie Tacrolimus
  • Antidepressiva und Antipsychotika

Eine vollständige Liste der Medikamente, auch frei verkäuflicher, gehört in jede ärztliche Beurteilung. Ausführlich erklärt das der Beitrag zu Wechselwirkungen.

Fahrtüchtigkeit und Arbeit

Solange THC wirkt, ist die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt. Wer medizinisches Cannabis anwendet, darf nur fahren, wenn er die Wirkung kennt und nicht beeinträchtigt ist, und muss die Regeln der Fahrerlaubnisverordnung beachten. Die rechtlichen Einzelheiten erklärt der Beitrag zu Cannabis und Autofahren. Dasselbe gilt für das Bedienen von Maschinen und für Tätigkeiten mit Sicherheitsverantwortung.

Wie sich Nebenwirkungen verringern lassen

Die Fachliteratur empfiehlt für den Beginn einer Cannabistherapie das Prinzip „start low, go slow“: mit einer sehr niedrigen Dosis beginnen und langsam steigern, bis die gewünschte Wirkung bei möglichst geringen Nebenwirkungen erreicht ist.¹² Weitere Grundsätze:

  • Die erste Anwendung zu Hause, nicht vor Terminen, Fahrten oder Arbeit
  • Verdampfer statt Rauchen, kein Tabak
  • Kein Alkohol und keine anderen dämpfenden Substanzen
  • Sorten mit ausgewogenem THC-CBD-Verhältnis oder niedrigerem THC-Gehalt zu Beginn, weil CBD einige THC-Nebenwirkungen abmildern kann
  • Regelmäßige ärztliche Kontrolle von Wirkung, Nebenwirkungen und Dosis
  • Bei ausbleibender Wirkung die Therapie beenden statt die Dosis immer weiter zu steigern

Mehr zu diesen Grundsätzen im Beitrag zu Dosierung und Einnahme.

Wann Sie ärztliche Hilfe brauchen

Bei starkem Herzrasen, Brustschmerzen, Ohnmacht, ausgeprägter Verwirrtheit, Halluzinationen, Panik oder anhaltendem Erbrechen unter einer Cannabistherapie sollten Sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, im Notfall über die 112. Alle anderen Nebenwirkungen gehören in das nächste ärztliche Gespräch; oft lassen sie sich durch eine Anpassung von Dosis oder Präparat verringern. Nebenwirkungen zu verschweigen, um die Therapie nicht zu gefährden, ist der falsche Weg.

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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Es besteht kein Anspruch auf eine Verordnung.

Quellen

  1. Whiting PF et al. (2015): Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 313(24):2456–2473
  2. Ranganathan M, D'Souza DC (2006): The acute effects of cannabinoids on memory in humans: a review. Psychopharmacology 188(4):425–444
  3. Crippa JA et al. (2009): Cannabis and anxiety: a critical review of the evidence. Human Psychopharmacology 24(7):515–523
  4. Mittleman MA et al. (2001): Triggering myocardial infarction by marijuana. Circulation 103(23):2805–2809
  5. Devinsky O et al. (2017): Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. New England Journal of Medicine 376(21):2011–2020
  6. Anthony JC, Warner LA, Kessler RC (1994): Comparative epidemiology of dependence on tobacco, alcohol, controlled substances, and inhalants. Experimental and Clinical Psychopharmacology 2(3):244–268
  7. Marconi A et al. (2016): Meta-analysis of the Association Between the Level of Cannabis Use and Risk of Psychosis. Schizophrenia Bulletin 42(5):1262–1269
  8. Di Forti M et al. (2019): The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): a multicentre case-control study. The Lancet Psychiatry 6(5):427–436
  9. Gruber SA et al. (2012): Worth the wait: effects of age of onset of marijuana use on white matter and impulsivity. Psychopharmacology 224(2):431–441
  10. Tashkin DP (2013): Effects of marijuana smoking on the lung. Annals of the American Thoracic Society 10(3):239–247
  11. Sorensen CJ et al. (2017): Cannabinoid Hyperemesis Syndrome: Diagnosis, Pathophysiology, and Treatment – a Systematic Review. Journal of Medical Toxicology 13(1):71–87
  12. MacCallum CA, Russo EB (2018): Practical considerations in medical cannabis administration and dosing. European Journal of Internal Medicine 49:12–19

Hinweis zu diesem Beitrag

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch eine Diagnose. Die genannten Arzneimittel sind verschreibungspflichtig; ob eine Therapie in Ihrem Fall medizinisch vertretbar ist, kann ausschließlich ein Arzt nach Kenntnis Ihrer Krankengeschichte beurteilen. Bitte besprechen Sie gesundheitliche Beschwerden mit einer Ärztin oder einem Arzt Ihres Vertrauens.

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