Zwei Produkte, eine Pflanze – aber Welten dazwischen
CBD-Öl steht in Deutschland mittlerweile in Drogerien, Reformhäusern und Onlineshops – meist als Nahrungsergänzungsmittel deklariert. Medizinisches Cannabis dagegen gibt es ausschließlich auf ärztliches Rezept über die Apotheke. Beide stammen aus der Cannabispflanze, unterscheiden sich aber in einem entscheidenden Punkt: rechtlicher Status, Qualitätskontrolle und – daraus folgend – häufig auch in der tatsächlichen Wirkung.
Was ist frei verkäufliches CBD-Öl rechtlich?
CBD-Extrakte aus der Cannabispflanze gelten in der EU als neuartiges Lebensmittel (Novel Food), gelistet im EU-Novel-Food-Katalog.¹ Das bedeutet: Sie unterliegen der Lebensmittelgesetzgebung, nicht dem Arzneimittelrecht. Für ein Lebensmittel ist – anders als bei einem Arzneimittel – keine Wirksamkeitsprüfung erforderlich, sondern lediglich ein Sicherheitsnachweis.
Genau hier hakt es aktuell: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2022 die laufenden Zulassungsverfahren für CBD als Novel Food ausgesetzt, weil aus ihrer Sicht Datenlücken zu möglichen Effekten auf Leber, Verdauungstrakt, Nervensystem und Hormonhaushalt bei regelmäßiger Einnahme bestehen.² Eine abschließende EU-weite Novel-Food-Zulassung für CBD-Öl steht damit weiterhin aus – die Produkte befinden sich rechtlich in einer Art Übergangszustand.
Zusätzlich ist der zulässige THC-Gehalt frei verkäuflicher CBD-Produkte streng begrenzt (in der Praxis meist deutlich unter 0,2 %), und die Bewertung durch die Überwachungsbehörden der Bundesländer fällt uneinheitlich aus – was die Rechtslage für Verbraucher zusätzlich unübersichtlich macht.
Das Qualitätsproblem: Was ist wirklich drin?
Weil CBD-Öl als Nahrungsergänzungsmittel und nicht als Arzneimittel verkauft wird, unterliegt es keiner behördlichen Chargenprüfung auf tatsächlichen Wirkstoffgehalt. Wie groß die Diskrepanz zwischen Etikett und Inhalt sein kann, zeigte eine im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichte Untersuchung von Bonn-Miller et al. (2017): Von 84 online gekauften CBD-Produkten enthielten nur rund 31 % den auf dem Etikett angegebenen CBD-Gehalt (Toleranzbereich ±10 %) – der Rest war entweder über- oder unterdosiert, ein Teil der Produkte enthielt zudem nicht deklariertes THC.³
Für ein Wellnessprodukt mag eine solche Schwankung ärgerlich sein. Für eine gezielte medizinische Anwendung – etwa bei chronischen Beschwerden – macht sie eine verlässliche Dosierung praktisch unmöglich.
Cannabis auf Rezept: Arzneimittelqualität mit definiertem Wirkstoffgehalt
Medizinisches Cannabis – ob als Blüten, Extrakt oder Fertigarzneimittel – unterliegt dagegen dem Arzneimittelrecht. Cannabisblüten aus der Apotheke müssen den Anforderungen der DAC/NRF-Rezeptur-Monographie entsprechen und werden unter kontrollierten GACP-/GMP-Standards angebaut und verarbeitet.⁴ Jede Charge wird auf ihren tatsächlichen THC- und CBD-Gehalt geprüft – der auf der Verpackung angegebene Wert entspricht damit, anders als bei vielen freiverkäuflichen CBD-Ölen, verlässlich dem Inhalt.
Ein weiterer zentraler Unterschied: Medizinisches Cannabis auf Rezept kann – sofern ärztlich indiziert – auch THC enthalten. Für zahlreiche Indikationen, bei denen CBD allein in Studien wenig bis keine Wirkung zeigt (etwa neuropathische Schmerzen oder bestimmte Schlafstörungen), ist gerade THC der pharmakologisch relevante Wirkstoff. Die genauen Wirkunterschiede zwischen beiden Cannabinoiden erklärt unser Artikel THC und CBD im Vergleich.