Die zwei bekanntesten Cannabinoide
Die Cannabispflanze enthält über 100 identifizierte Phytocannabinoide. Die medizinisch und wissenschaftlich am intensivsten untersuchten sind:
- THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol) – der primär psychoaktive Wirkstoff
- CBD (Cannabidiol) – nicht psychoaktiv, mit eigenem pharmakologischen Profil
Trotz ihrer gemeinsamen pflanzlichen Herkunft unterscheiden sie sich grundlegend in Wirkweise, Rezeptorprofil, Nebenwirkungsprofil und rechtlichem Status.
Wirkweise: Wie interagieren THC und CBD mit dem Körper?
Beide Substanzen interagieren mit dem Endocannabinoid-System (ECS) – einem Rezeptornetzwerk, das an der Regulation von Schmerz, Schlaf, Immunfunktion und Stimmung beteiligt ist.
THC
THC bindet als partieller Agonist direkt an CB1-Rezeptoren (überwiegend im Gehirn) und CB2-Rezeptoren (überwiegend auf Immunzellen). Die Aktivierung von CB1-Rezeptoren im limbischen System und Kortex ist verantwortlich für die psychoaktiven Effekte: veränderte Wahrnehmung, Entspannung, aber auch potenzielle Angst und Desorientation bei höheren Dosen.¹
CBD
CBD bindet nicht direkt als Agonist an CB1- oder CB2-Rezeptoren. Stattdessen wirkt es über multiple Mechanismen: - Hemmung des Enzyms FAAH → erhöhte Anandamid-Spiegel (körpereigenes Endocannabinoid) - Antagonismus an CB1-Rezeptoren (moduliert THC-Wirkungen) - Agonismus an 5-HT1A-Serotoninrezeptoren - Interaktion mit TRP-Kanälen (Schmerzverarbeitung)²
Dieses breite Wirkspektrum macht CBD pharmakologisch interessant – und die Forschung noch komplex.
Wesentliche Unterschiede im Überblick
| Eigenschaft | THC | CBD |
|---|---|---|
| Psychoaktiv | Ja | Nein |
| Hauptrezeptoren | CB1, CB2 (direkt) | Indirekt, multimodal |
| Rauscherzeugend | Ja | Nein |
| Abhängigkeitspotenzial | Vorhanden (gering bis moderat) | Sehr gering³ |
| Rechtsstatus in D | Verschreibungspflichtig | Unterschiedlich je nach Produkt |
Medizinische Evidenzlage
THC – belegte Anwendungsgebiete
Die stärkste klinische Evidenz für THC-haltige Arzneimittel besteht für:
- MS-Spastik: Nabiximols (Sativex®, THC:CBD 1:1) ist EU-weit zugelassen⁴
- Chemotherapie-induzierte Übelkeit: Dronabinol (synthetisches THC) ist für diese Indikation zugelassen
- Neuropathische Schmerzen: Moderate Evidenz aus mehreren RCTs⁵
CBD – belegte Anwendungsgebiete
Das einzige in der EU zugelassene CBD-Arzneimittel ist Epidyolex® (reines CBD, 100 mg/ml), zugelassen für zwei seltene, schwere Epilepsiesyndrome:
- Dravet-Syndrom
- Lennox-Gastaut-Syndrom
Die Zulassung basiert auf mehreren Phase-III-Studien, die eine statistisch signifikante Anfallsreduktion gegenüber Placebo zeigten.⁶
Für andere häufig diskutierte CBD-Anwendungen (Angst, Schlaf, Entzündungen) ist die klinische Evidenz aktuell noch vorläufig und unzureichend für regulatorische Zulassungen.
Das „Entourage-Effekt"-Konzept
Einige Forscher – darunter Russo (2011) – vertreten die Hypothese, dass Cannabinoide und Terpene in Kombination synergistisch wirken können (sog. „Entourage-Effekt").⁷ Diese Hypothese wird diskutiert, ist aber für klinische Anwendungen noch nicht ausreichend belegt.
CBD-Produkte außerhalb der Apotheke
Viele frei verkäufliche „CBD-Öle" und -Produkte unterliegen nicht der Arzneimittelzulassung und damit nicht denselben Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Wirkversprechen solcher Produkte sind rechtlich unzulässig. Für therapeutische Zwecke sollten ausschließlich ärztlich verordnete, pharmazeutisch geprüfte Produkte verwendet werden.
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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Quellen
1. Pertwee RG (2008): The diverse CB1 and CB2 receptor pharmacology of three plant cannabinoids: Δ9-THC, CBD and Δ9-THCV. Br J Pharmacol 153(2):199–215 2. Ibeas Bih C et al. (2015): Molecular Targets of Cannabidiol in Neurological Disorders. Neurotherapeutics 12(4):699–730 3. WHO (2017): Cannabidiol (CBD) Critical Review Report. Expert Committee on Drug Dependence, 39th Meeting 4. EMA (2014): Sativex – Summary of Product Characteristics 5. Häuser W et al. (2017): Cannabinoide in der Schmerzmedizin. Deutsches Ärzteblatt 114(38):627–634 6. Devinsky O et al. (2017): Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome. N Engl J Med 376(21):2011–2020 7. Russo EB (2011): Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. Br J Pharmacol 163(7):1344–1364