Die kurze Antwort
Terpene sind flüchtige Pflanzenstoffe, die Geruch und Geschmack von Cannabis prägen; nachgewiesen sind mehr als 200. Bei den an Medicanova angebundenen Partnerapotheken sind Beta-Caryophyllen, Limonen und Myrcen am häufigsten gelistet (Stand 14. September 2026). Eine Heilwirkung ist beim Menschen nicht belegt: Beta-Caryophyllen bindet zwar an CB2-Rezeptoren, und Limonen schwächte 2024 in einer Studie mit Gesunden die durch THC ausgelöste Angst ab, der Entourage-Effekt bleibt aber eine Hypothese. Eine Sortenauswahl nach Terpenprofil lässt sich wissenschaftlich nicht begründen.
Was Terpene sind
Terpene sind flüchtige Kohlenwasserstoffe, die Pflanzen in großer Vielfalt bilden. Sie sind für den Duft von Lavendel, Kiefernnadeln, Zitronenschalen, Hopfen und schwarzem Pfeffer verantwortlich, und sie bestimmen auch den charakteristischen Geruch verschiedener Cannabissorten. In der Pflanze dienen sie der Abwehr von Fressfeinden, dem Anlocken von Bestäubern und dem Schutz vor Hitze und UV-Strahlung.
In Cannabis wurden mehr als 200 verschiedene Terpene nachgewiesen.¹ Sie werden wie die Cannabinoide in den Drüsenhaaren der Blüte gebildet und machen dort meist unter 5 % des Gewichts aus. Bei der Angabe von Terpenprofilen im Apothekenkatalog geht es um die wenigen Terpene, die in nennenswerter Menge vorkommen.
Die häufigsten Terpene im deutschen Apothekenbestand
Anders als die meisten Darstellungen im Netz stützt sich diese Übersicht nicht auf allgemeine Annahmen, sondern auf eine Auszählung: Für die 4.019 verschiedenen Einzelbezeichnungen (Wirkstoffstufen einzeln gezählt) im Katalog des Apothekennetzwerks, mit dem Medicanova arbeitet, wurde zum Stand 14. September 2026 ausgezählt, welche Terpene der Hersteller angibt (Methodik: Marktdaten).⁸ Die drei häufigsten sind Beta-Caryophyllen, Limonen und Myrcen, die jeweils in mehr als der Hälfte aller Einzelbezeichnungen gelistet sind. Weitere Einzelheiten stehen auf den Terpenseiten.
| Terpen | gelistet bei | Anteil |
|---|---|---|
| Beta-Caryophyllen | 3.159 | 78,6 % |
| Limonen | 3.036 | 75,5 % |
| Myrcen | 2.598 | 64,6 % |
| Linalool | 1.304 | 32,4 % |
| Humulen | 968 | 24,1 % |
| Pinen | 915 | 22,8 % |
| Terpinolen | 358 | 8,9 % |
| Farnesen | 317 | 7,9 % |
| Ocimen | 247 | 6,1 % |
| Nerolidol | 238 | 5,9 % |
| Bisabolol | 217 | 5,4 % |
| Guaiol | 79 | 2,0 % |
Wichtig für die Einordnung: „Gelistet“ bedeutet, dass das Terpen im Profil des Herstellers genannt wird, nicht, dass es mengenmäßig dominiert. Die Mengenangaben schwanken zwischen Chargen erheblich.
Was die Forschung zu einzelnen Terpenen sagt
Beta-Caryophyllen: das einzige Terpen mit Cannabinoidwirkung
Beta-Caryophyllen, das auch in schwarzem Pfeffer, Nelken und Hopfen vorkommt, ist das einzige bekannte Terpen, das direkt an einen Cannabinoidrezeptor bindet, und zwar an den CB2-Rezeptor, der vor allem auf Immunzellen sitzt.² In Tier- und Zellstudien wurden entzündungshemmende und schmerzverändernde Effekte beobachtet. Es ist damit das Terpen mit dem stärksten mechanistischen Argument für eine biologische Wirkung. Kontrollierte Studien am Menschen, die einen Nutzen bei einer Erkrankung belegen, fehlen. Beta-Caryophyllen ist als Lebensmittelaroma zugelassen und gilt als unbedenklich.
Myrcen: häufig, aber wenig belegt
Myrcen kommt in Hopfen, Mango und Lorbeer vor und ist eines der häufigsten Cannabisterpene. Aus Tierstudien gibt es Hinweise auf muskelentspannende und dämpfende Wirkungen in hohen Dosen. Die verbreitete Behauptung, myrcenreiche Sorten wirkten deshalb „einschläfernd“ oder verstärkten die THC-Wirkung, ist beim Menschen nicht belegt.³ Die in Cannabis aufgenommenen Mengen liegen weit unter den in Tierversuchen verwendeten.
Limonen: erste Humandaten
Limonen, das Terpen der Zitrusschalen, wurde 2024 in einer kontrollierten Studie am Menschen untersucht: Gesunde Probanden inhalierten THC allein oder zusammen mit Limonen. Mit zunehmender Limonendosis fielen die durch THC ausgelösten Angst- und Unruhegefühle geringer aus, während die übrigen THC-Wirkungen unverändert blieben.⁴ Das ist eine der wenigen Studien, die einen Terpeneffekt beim Menschen zeigen. Sie betrifft aber die Verträglichkeit von THC, nicht die Behandlung einer Erkrankung, und sie muss bestätigt werden.
Linalool: aus der Lavendelforschung
Linalool ist der Hauptbestandteil des Lavendelöls. Für Lavendelölpräparate gibt es kontrollierte Studien bei Angstsymptomen; ob diese Wirkung auf Linalool zurückgeht und ob sie bei den geringen Mengen in Cannabis eine Rolle spielt, ist nicht untersucht. Die Datenlage für Linalool aus Cannabis besteht aus Tier- und Zellstudien.³
Pinen, Terpinolen, Humulen, Ocimen
Diese Terpene sind weniger erforscht. Es gibt präklinische Hinweise auf entzündungshemmende, antioxidative oder bronchienerweiternde Eigenschaften. Eine klinische Bedeutung bei medizinischem Cannabis ist nicht belegt.
Der Entourage-Effekt: Hypothese, nicht Fakt
Die Vorstellung, dass Terpene zusammen mit THC und CBD zusammenwirken und die Gesamtwirkung eines Präparats verändern, wird als Entourage-Effekt bezeichnet. Der Begriff stammt aus der Endocannabinoid-Forschung und wurde durch den Arzt und Forscher Ethan Russo auf Terpene übertragen.³ ⁵
Die Hypothese ist biologisch plausibel, aber die Belege sind dünn:
- Eine Laborstudie von 2019 prüfte, ob die häufigsten Cannabisterpene die Wirkung von THC an den Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 verändern. Ergebnis: keines der getesteten Terpene hatte einen Einfluss.⁶ Wenn es einen Entourage-Effekt gibt, läuft er nicht über diese Rezeptoren.
- Übersichtsarbeiten kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass kontrollierte Studien am Menschen, die einen messbaren Zusammenwirkungseffekt belegen, fehlen.⁷
- Die Limonen-Studie von 2024 ist bislang der beste Hinweis darauf, dass ein Terpen die THC-Wirkung beim Menschen beeinflussen kann, und sie betrifft nur einen Aspekt.
Für die Praxis heißt das: Die Auswahl einer Sorte nach Terpenprofil lässt sich wissenschaftlich nicht begründen. Aussagen wie „diese Sorte beruhigt, weil sie viel Myrcen enthält“ oder „diese Sorte macht wach wegen des Limonens“ sind Marketing, keine Medizin.
Indica, Sativa und Terpene
Häufig werden Terpenprofile mit der Einteilung in Indica und Sativa verknüpft. Auch diese Zuschreibung hält der Prüfung nicht stand: Genetische Untersuchungen zeigen, dass die Bezeichnungen wenig über den tatsächlichen Wirkstoff- und Terpengehalt einer Sorte aussagen. Maßgeblich für die Wirkung sind THC- und CBD-Gehalt und die Dosis, nicht der Name.
Warum Terpene trotzdem eine Rolle spielen
Auch ohne belegte Heilwirkung sind Terpene für die Behandlung nicht bedeutungslos:
- Geschmack und Verträglichkeit: Terpene bestimmen, wie ein Präparat riecht und schmeckt. Wer ein Präparat als unangenehm empfindet, wendet es weniger zuverlässig an.
- Wiedererkennbarkeit: Für Betroffene, die auf ein bestimmtes Präparat gut eingestellt sind, ist das Terpenprofil ein Hinweis darauf, ob ein anderes Präparat derselben Sorte vergleichbar ist.
- Reizung der Atemwege: Beim Verdampfen können manche Terpene die Atemwege reizen; niedrigere Verdampfungstemperaturen verringern das.
- Forschung: Die Limonen-Ergebnisse zeigen, dass gezielte Kombinationen die Verträglichkeit von THC verbessern könnten. Das ist ein Ansatz für die Entwicklung besser verträglicher Präparate.
Was das für Betroffene bedeutet
Was sich bei einem Cannabispräparat verlässlich beurteilen lässt, sind der THC-Gehalt, der CBD-Gehalt und die Darreichungsform. Das Terpenprofil ist eine ergänzende Information, aus der sich keine Wirkung ableiten lässt. Die Auswahl eines Präparats gehört in das Gespräch mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt; sie richtet sich nach Beschwerdebild, Verträglichkeit und Alltag, nicht nach dem Aroma. Wer nach einem Präparatwechsel innerhalb derselben Sorte eine andere Wirkung bemerkt, sollte das ärztlich besprechen, statt es dem Terpenprofil zuzuschreiben. Mehr zur Dosierung im Beitrag zu Dosierung und Einnahme.
---
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- Hanuš LO, Hod Y (2020): Terpenes/Terpenoids in Cannabis: Are They Important? Medical Cannabis and Cannabinoids 3(1):25–60
- Gertsch J et al. (2008): Beta-caryophyllene is a dietary cannabinoid. Proceedings of the National Academy of Sciences 105(26):9099–9104
- Russo EB (2011): Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology 163(7):1344–1364
- Spindle TR et al. (2024): Vaporized D-limonene selectively mitigates the acute anxiogenic effects of Δ9-tetrahydrocannabinol in healthy adults who intermittently use cannabis. Drug and Alcohol Dependence 257:111267
- Russo EB (2019): The Case for the Entourage Effect and Conventional Breeding of Clinical Cannabis: No "Strain," No Gain. Frontiers in Plant Science 9:1969
- Santiago M et al. (2019): Absence of Entourage: Terpenoids Commonly Found in Cannabis sativa Do Not Modulate the Functional Activity of Δ9-THC at Human CB1 and CB2 Receptors. Cannabis and Cannabinoid Research 4(3):165–176
- Ferber SG et al. (2020): The "Entourage Effect": Terpenes Coupled with Cannabinoids for the Treatment of Mood Disorders and Anxiety Disorders. Current Neuropharmacology 18(2):87–96
- Katalog der an Medicanova angebundenen Partnerapotheken, abgerufen am 14.09.2026: 69.272 Katalogzeilen, 4.019 verschiedene Einzelbezeichnungen (Wirkstoffstufen einzeln gezählt); gezählt wurde, bei wie vielen Einzelbezeichnungen der Hersteller ein Terpen angibt. Auswertung durch die Medicanova-Redaktion.